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Bar-sur-Loup: Der Seigneur von Antibes und das Abbild des Verderbens

Manche Geschichten sind einfach zu gut, um sie nicht immer und immer wieder zu erzählen. Besonders, wenn sie von sündigen Adligen, göttlicher Rache und einer Prise Aberglaube aus dem finsteren Mittelalter handeln. Am östlichen Rand der Provence, hängt in einer bezaubernden kleinen romanischen Kirche aus sonnenverwöhnten Kalksteinen inmitten sanfter Hügel der Voralpen ein ganz besonderes Gemälde, Öl auf Eichenholz. Selbst dem abgebrühtesten Zyniker jagt es einen gruseligen Schauer über den Rücken. Es zeigt einen Totentanz, begleitet von einer provenzalischen Inschrift in 33 Alexandriner Versen. Stolze 1,68 Meter hoch und 1,27 Meter breit, um genau zu sein. Und die Legende flüstert, dieser Tanz sei kein bloßes Kunstwerk, sondern das Echo eines ehemaligen Skandals, einer uralten Tragödie.


Der Held unserer Tragikomödie? Nun, das ist der Comte von Bar-sur-Loup, Bertrand de Grasse der III. (1375 - 1448), ebenso von Roquefort, Rouret, Saint-Paul, Valettes, du Bar, Vaugreniers und Amirat. Er entstammte einer noblen provenzalischen Familie, die sich hochstaplerisch zurückgehend auf Rodoard aus dem 10. Jh. Princes d'Antibes nannte. Ein Mann, der offenbar dachte, Regeln seien nur für die einfachen Leute da. Man schrieb das Jahr 1437, und der Graf hatte sich in den Kopf gesetzt, einen rauschenden Ball zu veranstalten! Das kleine Detail, dass es ausgerechnet in die tiefste Fastenzeit fiel und die Kirche solche Ausschweifungen strengstens untersagte, schien ihn dabei herzlich wenig zu kümmern. Man muss Prioritäten setzen, nicht wahr?


D
och das Schicksal, oder nennen wir es einfach eine gewisse Ironie des Zufalls, hatte andere Pläne. Mitten im Freudentaumel des verbotenen Festes kam es zu „mysteriösen Todesfällen“. Die Dorfältesten - und vermutlich auch der eine oder andere eifrig dreinblickende Priester - hatten die Erklärung natürlich sofort parat: Göttliche Strafe! Der Graf, nun ja, er war, sagen wir, „reuig“. Und so ließ er zum Andenken an dieses kleine Missgeschick - besser gesagt: diese „Tragödie“ - ein Gemälde anfertigen und stellte es in einer eigens dafür errichteten Kapelle aus. Die Kapelle war dem Heiligen Arnoux geweiht, Verursacher einer weiteren sowohl makabren als auch tödlichen Tragödie. Man tut, was man kann, um seine Seele zu retten, nicht wahr? Besonders wenn man gerade eine halbe Dorfbevölkerung auf dem Gewissen hat (oder zumindest auf dem Tanzparkett liegen sah), und dabei auch etwas ablenken kann.



Das Gemälde hängt heute in der meist verschlossenen Stadtkirche von Bar-sur-Loup, Eglise St.-Jacques-le-Majeur, also nicht wie ursprünglich in der St.-Arnoux-Kapelle.




Die große Frage ist natürlich: War das alles wirklich so? War es ein Zeugnis der Reue, ein mahnendes Kunstwerk oder vielleicht doch nur ein cleverer PR-Stunt aus dem Mittelalter? jedenfalls der Überlieferung nach spiegelt dieser Tanz eine alte wahre Begebenheit wider...

Legende oder Realität?

Heute weiß man nicht, ob das Gemälde eine Erinnerung an diese Begebenheit ist, oder ein Totentanz, oder gar ein Tanz der Lebenden... Mehr als ein Totentanz, so auch der Titel des Gemâldes „La danse macabre“, erwähnt der "Guide de la Provence mystérieuse" die zahlreichen Episoden des "Mal de Saint-Jean", die die Region zu der Zeit heimsuchten, als der Tanz gemalt wurde. Das "Mal de Saint-Jean" ist eigentlich eine Mutterkornvergiftung, die Halluzinationen und Krämpfe verursacht. Es wurde hier vielleicht als eine Art Ex-Voto dargestellt... Wir halten uns an die Geschichte des Balls des Grafen von Bar-sur-Loup, die besonders gut zu dem Gemälde passt! Ein... tödlicher Tanz!

Der verfluchte Ball – Eine Szene des Verderbens

Der Maler soll den Grafen mit einem Tamburin und einem Galoubet, als Musiker, fast schon als Zeremonienmeister dargestellt haben: schließlich war er es, der die Autorität herausforderte und bewirkte, dass mitten in seinem Ball Menschen starben... Man sieht einen kleinen Teufel lachend auf seinem Kopf tanzen.  An seiner Seite stehen Zuschauer in Festtagskostümen. Rechts der verfluchte Ball...  Was sieht man dort? Mehrere Tanzpaare, jeweils mit einem kleinen Teufel auf dem Kopf eines von ihnen.  Im Vordergrund liegt ein Mann. Tot. Ein Dämon entnimmt seine Seele aus seinem Mund, während ein anderer Dämon die Waage neigt, in der ein Engel eine Seele wiegt.

Tödliche Pfeile und die Pforten der Hölle

Im Vordergrund sieht man auch ein schreckliches Skelett mit einem Bogen und Pfeilen in einem Köcher: wie Amor, bereit, seinen Pfeil abzuschießen! Aber hier ist der Pfeil tödlich... Man sieht übrigens einen Mann, der getroffen wurde, schwankt und zu Boden fallen wird. Der Teufel, der auf seinem Kopf saß, ist bis zu seiner Schulter herabgestiegen, um seine Seele abzufangen! Und ganz rechts stürzt ein Dämon einen Mann in das Maul eines ganz schwarzen Monsters: die Hölle!





Angesichts der Kostüme der Figuren lässt sich dieser Totentanz auf das Ende des 15. Jahrhunderts datieren. Der "Guide de la Provence mystérieuse" weist darauf hin, dass er von "einem dieser anonymen und reisenden Künstler der Schule von Nizza" gemalt worden sein muss.








Die mahnende Inschrift

Was sagt dann die alte Inschrift? Auf Provenzalisch beginnt sie mit "O paures pecadours...", was sich so übersetzen ließe:

"Oh, ihr armen Sünder! Denkt daran, dass ihr bald sterben werdet. Und ihr tanzt wie Narren und führt euer Leben sorglos... Wenn ihr sterbt, ohne Buße getan zu haben, werdet ihr das traurigste aller Schicksale erleiden. Erinnert euch daran, zögert nicht, Buße zu tun, denn wenn eure Seele auf der Waage liegt, wird es zu spät sein.  Fürchtet euch, denn der Tag eures Todes naht. Wenn der Tod euch plötzlich treffen sollte, hättet ihr keine Rettung, und ihr werdet diesen schrecklichen Tanz immer und immer wieder tanzen, ohne jemals aufzuhören."

Das ist, zusammenfassend, die Essenz des Textes, eine düstere Botschaft, die tief in den Ängsten des Mittelalters verwurzelt ist.


#Antibes  #BarsurLoup  #BertranddeGrasse  #PrincesdAntibes

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Antibes : Mehari burning

Eine heiße Sommernacht, ein Brandstifter, zwei Autos, nicht die geringste Spur, kein einziger Zeuge… War es das perfekte Verbrechen ? Das fehlte gerade noch, um eine wahre Hysterie an der Côte d’Azur auszulösen. Sofort zogen die polizeilichen Ermittler Parallelen zu dem berüchtigten Serientäter, welcher vor einigen Jahren innerhalb von nur zwei Monaten fast sämtliche Meharis von Paris anzündete. Er wurde nie identifiziert, geschweige denn gefasst. Hochgradierte Polizisten waren an der Aufklärung beteiligt, konnten aber nicht verhindern, dass es mehrere Opfer gab, eines erlitt gar den Tod durch Ersticken. Und wenn es alles andere als ein Zufall war, dass die Brandserie in genau dieser Stadt, welche den Meeres-Themenpark Marineland beherbergt, wiederentfachte? Die Geschichte könnte die Story zu einem Kriminalroman liefern, auch für einen Film von Claude Chabrol, voller düstereren Zweifeln und endlosen Fragen.


Im südfranzösischen Städtchen Antibes, an einem schwülen Abend Ende August, wir schreiben das Jahr 1977. In diesem Jahr kam in Marseille zum letzten Mal in ganz Europa die Guillotine bei einem Vollzug der Todesstrafe zum Einsatz, die UNO rief den „Tag der Frau“ aus und der „King of Rock ‘n Roll“ Elvis Presley verstarb.

Die Touristenmassen machten sich daran ihre Hotelzimmer zu verlassen oder auf den Campingplätzen im Brague-Quartier ihr Gepäck im Kofferraum ihrer Familienautos zu verstauen, um wieder heimzukehren in den Alltag nördlicher Gefilde. So gab es von einem Tag auf den anderen weniger Staus, wenn man mit dem Auto den Boulevard Albert 1er hinab zu der Plage de la Salis mit seinem hunderte Meter langen weißen Sandstrand fuhr, der jetzt deutlich weniger Badende anzog. Bald würden die Einheimischen wieder ganz unter sich sein. Das Wetter war nach wie vor hochsommerlich, wegen einer heiß sengenden Sonne den ganzen Tag über. Antibes war einfach paradiesisch traumhaft.

Firmenplakette der Citroën-Werkstatt in Antibes, herrlicher Strand Plage de la Salis,
Campingplatz "Camp du Pylône"

Doch innerhalb weniger nächtlicher Minuten zerbrach diese Idylle, als ein erster Citroën Mehari in Flammen aufging. Das geschah auf Höhe der Hausnummer 11 der Avenue Gambetta, vor diesem zweistöckigen, heute immer noch bestehenden Wohnhaus, welches wegen des kleinen Gartens, der sich zur Ecke der Avenue Tourre ausbreitet, gleich ins Auge springt. Kurz danach brannte ein zweiter Mehari, der am Straßenrand des Boulevard Wilson geparkt war.


Damaliger Bürgermeister Pierre Merli mit seinem engen Freund François Mitterrand,
am Steuer eines Mehari auf dem rechten Bild

Am nächsten Tag gab es nur ein Thema in der ganzen Stadt, um den Hafen, in den Gassen unterhalb der Markthalle, in den gediegenen Büros des Rathauses, der Citroën-Werkstatt im Norden der Stadt unweit der Autobahneinfahrt, überall…



Avenue Gambetta in Antibes : vor Hausnummer 11 ging ein erster Citroën Mehari in Flammen auf.




Alle Meharis von Paris in Flammen

Der Albtraum begann im Winter 1973 und war ausschließlich auf das 13. Arrondissement von Paris beschränkt. Zwischen Weihnachten und Neujahr, genauer gesagt am 27. Dezember, wurde der erste Mehari angezündet, zumindest laut Pressenotizen. Danach brannte der fünfte Mehari, der zehnte, zwanzigste, fünfzigste… So kam der kleine Jagd- und Strandwagen fünf Jahre nach seiner Markteinführung wieder zu Schlagzeilen, allerdings nicht in den Automobil-Zeitschriften, sondern als Nachricht in Tageszeitungen, bei Funk und Fernsehen.

Zeitschriften, Bücher, Reparaturanleitungen über den Citroën Mehari

Die Pariser Polizei war erstaunt, dass sich der Brandstifter nur auf Meharis konzentrierte. Zahlreiche Polizisten patrouillierten fortan nachts in den Straßen der französischen Hauptstadt, insgesamt waren 150 Mann im Einsatz. Doch kamen die Ermittler keinen Funken weiter. Stets erreichten sie den Tatort zu spät, keiner der Anrainer hat auch nur das Geringste mitbekommen und der zu Fuß agierende Brandstifter hinterließ keinerlei Spuren.

Das 13. Arrondissement der französischen Hauptstadt Paris

Die Mehari-Fahrer waren in panische Angst versetzt. Im Radio erklärte eine Person, dass sie nicht mehr schlafen könnte vor lauter Angst, dass ihr Mehari angezündet werden könnte. Selbst Psychiater kamen in den Nachrichtensendungen zu Wort, um ein psychologisches Porträt des Pyromanen zu erstellen.



Der letzte angezündete Mehari in Paris kostete ein Menschenleben, am 9. Februar 1974.





Das dauerte bis zum 9. Februar 1974, als ein letzter, in einer Garage abgestellter Citroën Mehari angezündet wurde. Das Feuer breitete sich auf den Wohnblock aus, es gab mehrere Brandopfer und eine Person erlag an Erstickungen.

Nach dieser Nacht hörten die Brandanschläge auf. Es war das Ende der Geschichte, vorläufig. Offiziell sollen 63 Meharis angezündet worden sein, der Täter wurde nie gefasst und der Fall zu den Akten gelegt.

 Supercops nennen weitere Details

Als 2016 ein ehemaliger Supercop der Pariser Polizei seine Memoiren veröffentlichte, wurden weitere Details bekannt. Jean-Louis Fiamenghi war ein hochrangiger Polizeibeamter, verantwortlich für die Sicherheit Papst Benedikt XVI. bei seinem Frankreichbesuch, ebenso für US-Präsidenten Barack Obama. Auf sein Konto ging auch die Festnahme hochkarätiger Krimineller, darunter der bekannte korsische Nationalist Yvan Colonna. Wie Schauspielerstar Jean-Paul Belmondo, nannten ihn die Kollegen „Bébel“. Sein erster bedeutender Einsatz war eben jener Fall der Mehari-Brandstiftung.

Supercop Fiamenghi mit Präsident Sarkozy, Tötung des Kriminellen Jacques Mesrine,
Festnahme von Yvan Colonna auf Korsika

So erfährt man, daß es in Wirklichkeit insgesamt wenigstens 90 Meharis waren, welche damals tatsächlich in Paris angezündet wurden, auch, dass die Serie bereits im Oktober 1972 begann, als 15 Strandwagen im 18. Arrondissement in Feuer aufgingen. Wie abzusehen fielen die Verkaufszahlen dieses Fahrzeugs schlagartig in den Boden.

Es ist erstaunlich, daß auch andere Supercops mit diesem Fall zu tun hatten, darunter Kommissar Pierre Ottavioli, ein Marseiller korsischen Ursprungs. Ihm wurden in der Vergangenheit schon andere brandheiße Fälle anvertraut, so 1965 die Ermordung des marokkanischen Regimegegners Mehdi Ben Barka in einem Dorf bei Paris sowie 1968 die „Affäre Marković“, welche weltweit Schlagzeilen machte, da es sich bei dem Opfer um einen ehemaligen Angestellten Alain Delons handelte.

Stévan  Marković, jugoslawischer Asylant und ehemaliger Drogenhändler, leistete Alain Delon Dienste als Bodyguard, Chauffeur und Privatsekretär. Da der Schauspieler jedoch mitkriegte, dass der Serbe ein Verhältnis mit seiner Frau Nathalie hatte, beendete er das Arbeitsverhältnis, verständlicherweise. Als Marković 1968 ermordet wurde, deutete alles darauf hin, daß der Mörder aus dem Drogenmilieu stammen musste. Freilich wurde Alain und Nathalie Delon verhört, aber plötzlich tauchten neue Elemente auf. Die Frau des französischen Premierministers und späteren Präsident Georges Pompidou sollte in einen Sexskandal verwickelt sein. Der Gerüchteküche zu Folge hätte sie an diskreten Abenden mit heißem Gruppensex teilgenommen und Stévan  Marković hätte davon Photos in Händen gehabt. Sollte aus dem jugoslawischen Flüchtling und späteren Kriminellen, letzlich ein hochgradiger Erpresser geworden sein…

Marković und Nathalie Delon, Alain Delon mit Mireille Darc am Steuer eines Mehari,
Georges und Claude Pompidou am Strand

Auch Pierre Folacci, Supercop der Marseiller Ermittlungspolizei, hatte sich ab Januar 1974 federführend um den Mehari-Brandstifter gekümmert. Und eben in der französischen Hafenstadt am Mittelmeer hat sich dann tatsächlich ein Mann gestellt, der sich aber letztlich als Mytoman entpuppte.


 Nur eine Nebenrolle für Marineland ?

Dreieinhalb Jahre später hat die Brandstiftung zweier Citroën Meharis in Antibes den Fall wieder aufgewärmt.

Der französische Jagd- und Strandwagen wurde aus Thermoplastik ABS (Acrylnitril-Butadien-Styrol) hergestellt, welches sich in bestimmten Temperaturbereichen zwar leicht formen lässt, aber nicht im Geringsten feuerbeständig ist. Konzipiert hat diesen kleinen Citroën ein französischer Industriekapitän namens Roland de la Poype (1920 – 2012), der fast gleichzeitig, im Jahre 1970, auch das Marineland in Antibes gründete, um die Welt der großen Meerestiere einem breiten Publikum nahezuführen.

Werbekampagne für das Haarshampoo Berlingot Dop, Meeresshow im Marineland,
Nicolas Sarkozy übergibt Roland de la Poype
das Grosskreuz der Ehrenlegion (Grand'croix de la Légion d'honneur) im Jahre 2008.

Nachdem de la Poype - quasi als Vorreiter der französischen Kunststoffverpackungsindustrie - die „Société d'Etudes et d'Applications du Plastique“ (wurde später DuPont Liquid Packaging Systems) gegründet hatte, vermarkte er bereits in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts das bislang nur in Friseursalons verwendete Haarshampoo „Dopal“ von L’Oréal, indem er es in kleine, durchsichtige Plastiksäckchen füllte und als vielfarbige Shampoo-Dosen, genannt „Berlingot Dop“ verkaufte. Ein richtiger Verkaufsschlager, einzeln in Blau, Grün, Rot, Gelb oder Violet, oder als Kombipack, der alljährlich zigmillionenfach die Kassen der Supermärkte klimpern ließ.




Weisser Mehari am Kiesstrand Siesta beim Marineland zwischen dem Fort Carré und den Wellenhäusern des Marina Baie des Anges.


 


Mit der Konzeption des französischen Jagd- und Strandwagen, welcher von Citroën ab 1968 gefertigt wurde, blieb der Spezialist für Verwendung von Kunststoffen sich selbst treu. Aus durchgehend gefärbtem Thermoplastik wurden die Karosserieteile zu einem über Metallstreben gespannten Kunststoffaubau montiert, worunter sich Motor und Fahrwerk der Dyane 6 verbargen.

Vorbilder des Mehari : ein gelber La Dalat aus Vietnam
und das Baby-Brousse aus der Elfenbeinküste

Inspiriert von sehr preisgünstigen Fahrzeugen aus Entwicklungsländern wie das Baby-Brousse aus der Elfenbeinküste oder das vietnamesische La Dalat, wurde das lustige, sympathische Gefährt Mehari getauft, also Renndromedar, was an die weiten Wüstenlandschaften Nordafrikas erinnert. Insgesamt baute Citroën davon 140.000 Exemplare. Selbst in den USA wurde es verkauft, und hätte so beinahe ein Welterfolg werden können, wäre es nicht in wichtigen Absatzländern wie Großbritannien, den Niederlanden oder Deutschland von den Zulassungsbehörden wegen der leicht brennbaren Karosserie abgelehnt worden.

Fiberfab Sherpa in grün und ein weisser Pony am Meer

So machten sich kleinere Hersteller daran, dafür einen Ersatz zu finden. Im alten, baden-württembergischen Dorf Ditzingen war es die ursprünglich amerikanisch-deutsche Firma Fiberfab, welche sich an das Projekt wagte, bekannt durch Buggy-Bausätze und auf Käferbasis zu montierende Repliken wie das italienisch anmutende Sportcoupé Fiberfab Bonanza GT. Die Firma fertigte den Bausatz eines Sherpas genannten Modells als Bausatz auf Entenbasis, also ein 2 CV und keine Dyane wie beim Mehari. Insgesamt wurden zwischen 1975 und 1982 aber nur 250 Sherpas als Pickup oder Viersitzer mit herunterklappbarer Windschutzscheibe und als Option mit Hardtop an den Mann gebracht. Grund für diesen kommerziellen Flop war die gleichzeitige Vermarktung des griechischen Mehari, Pony genannt, und in Thessaloniki von einem der grössten Citroënhändler des Landes, Namco, in neuen Fabrikhallenauf auf Basis der Citroën Dyane gefertigt. Dieser Namco-Pony kostete in Deutschland ab etwa 10.000 DM, also gerade mal 2000 DM mehr als eine französische Dyane oder der Sherpa-Bausatz. 1979 wurden sogar mehr griechische Pony’s als französische Meharis gefertigt. 1983 stellte Namco die Produktion ein, Citroën baute seinen Strandwagen noch bis 1987.


Neue Aspekte im Jahr 2018

Am 6. Juli 2018, also 50 Jahre nach der Vorstellung des Citroën Mehari brannte wieder ein Exemplar in Antibes aus. Das geschah nachmittags, gegen 16 Uhr 30, als die Eltern ihre Kinder aus der Vorschule Ecole Maternelle Jacques Bossier holten, unweit des Krankenhauses Hôpital de la Fontonne im Osten der Stadt. Auf dem zur Route de Nice gehenden Parkplatz zerfloss das Auto plötzlich, es gab hohe Stichflammen, welche fünf weitere Fahrzeuge in Brand setzten. Dank des schnellen Einsatzes der anwesenden Polizeibeamten wurde das Schlimmste verhindert, indem sie sofort eine Gefahrenzone abriegelten, welche der Feuerwehr eine schnelle Löschung des Brandes ermöglichte. Es gab nur Sachschäden und die Versicherungsexperten einigten sich auf einen durch technischen Defekt ausgelösten Brand als Schadensursache.

Méhari in Flammen auf dem Parkplatz einer Schule von Antibes,
die Kirche im Stadtteil La Fontonne im Osten von Antibes.

Interessant ist, dass diese Vorschule sich unweit des Bahnhofs Biot befindet, wo oberhalb der Meeresthemenpark Marineland liegt. Nachdem im Oktober 2015 eine durch Festregen ausgelöste Schlammwelle dessen Becken überspült hatten, kamen etwa 20 Meerestier ums Leben, darunter fünf Killerwale.

Pamela Anderson demonstriert in Antibes gegen den Meerestierpark Marineland

Dieses Ereignis brachte die Tierschützer auf den Plan, welche genau ab Juli eine Reihe an Protestveranstaltungen gegen den von de la Poype gegründeten Tierpark in Antibes und gar auf der Promenade des Anglais in Nizza organisierten. Selbst Pamela Andersen kam vorbei, um die Protestierenden zu unterstützen. Aber das ist eine ganz andere Geschichte…


 Lauter offene Fragen

Als unaufgeklärter Fall, wirft die Mehari-Brandserie aus den 70-er Jahren immer noch viele offene Fragen auf. Handelte es sich bei dem Pyroman um einen Einzeltäter, oder hatte er Komplizen bzw. Nachahmer ? Besteht ein Zusammenhang zwischen den Pariser Ereignissen von 1973/1974 und denen in Antibes von 1977 ? Was motivierte den oder die Täter, Rachsucht, Perversion, ein übersteigertes Ego…?

 Luftgekühlter 2-Zylinder-Motor eines restaurierten Citroën Mehari,
rechts ein ausgebrannte Motor- und Antriebseinheit.

Überzeugende Antworten lassen sich nicht finden, wobei man aber, auch Jahrzehnte nach den Ereignissen, immer noch die am Anfang der polizeilichen Ermittlungen, im Januar 1974, privilegierte Piste gelten lassen muss: Der Pyromane sei ein Einzeltäter, also keinerlei Komplizenschaft. Die Brandstiftung in Paris fand in einem Rhythmus von etwa zwei Fahrzeugen pro Nacht statt, der Täter agierte zu Fuß. Zur Tat hat er sich niemals bekannt, er handelte überaus bedacht, wodurch es zu keinerlei brauchbaren Zeugenaussagen kam. Man fand nicht die geringsten Indizien, welche zu einer Aufklärung hätten führen können.

Wer ist dieser Täter ? Ein anerkennungssuchender Typ, der wollte, daß man von ihm spricht ohne zu wissen, wer er ist ? Oder eine psychisch gestörte Person, vielleicht ein aggressiver Alkoholiker, der sich an irgendetwas und irgendjemanden rächen wollte ? Rächen, aber an was und warum ? An Roland de la Poype, weil er der Vater des Mehari und von Marineland war ?


Generell wird jemand zum Kriminellen aus Mangel an Zuneigung und Liebe, oder zu viel davon…

Es ist kompliziert ein Täterprofil zu erstellen, doch kann man schon erkennen, daß es sich bei dem Mehari-Brandstifter um einen diskreten, gut organisierten und determinierten Charakter handelt, der wollte, daß man von seinen Taten spricht, ohne dabei persönlich im Rampenlicht zu glänzen. Das ist wohl der Kern der Erkenntnis, alles in allem nicht viel.

Ohne Bekenntnis zur Tat, rätseln wir auch über die wahren Motive. War es ein Aktion im Geiste der 68er-Bewegung, gegen das bourgeoise Frankreich, gegen das Symbol der Konsumgesellschaft, das Auto, oder eine Öko-Attacke der Kleinbürger der Nachkriegsgesellschaft und der Wirtschaftswunderzeit ?

Vorstellung des Citroën Mehari auf dem mondänen Golfplatz des Seebades Deauville, 1968

Oder genau das Gegenteil davon ? Denn selbst wenn der Mehari 1968 vorgestellt wurde, dann geschah das nicht hinter den Studentenbarrikaden der Pariser Straßenschlachten. Der Jagd- und Strandwagen wurde im krassen Gegensatz dazu, umgeben von 20 Models auf dem mondänen Golfplatz des noblen Strandbades Deauville der Öffentlichkeit vorgestellt. Vielleicht war gerade dieser Rahmen, die Grande Bourgoisie, und nicht das spätere Mehari-Image als cooles Fahrzeug, der Pubnkt, welcher den Brandstifter störte. Stand er eher auf bürgerliche Limousinen und klassische Damen, hasste er generell Umstürzungen, die neuen Sitten, Mädchen in Jeans? War ihm deshalb der Citroën Mehari ein Dorn im Auge ?

Oder drängten ihn ganz persönliche Gründe zur Tat, etwa daß er eine ihm nahestehende Person, seine Frau, seine Kinder oder seine Eltern, bei einem Mehari-Unfall verlor ?

Nein, wir werden es wohl nie erfahren. Doch als die Taten des Pyroman tatsächlich das Leben eines Menschen ausgelöscht hatten, musste er wohl verstanden haben, dass er viel zu weit gegangen war. Oder hat er Paris danach nur verlassen, um sich zu verstecken, sich woanders ein neues Leben aufzubauen? Oder gar, um einfach weiter zu machen? Die hohe Wahrscheinlichkeit, daß es sich bei dem Brandstifter von Paris 1973/1974 und Antibes im August 1977 um ein und dieselbe Person handelt ist frappierend. Es gibt zahlreiche Ähnlichkeiten, wo man doch weiss daß ein Verbrecher keinem anderen exakt gleicht. Doch seit den Anschlägen von Antibes verstauben die Akten zu dem Fall in den Polizeiarchiven. Kein Mensch hat sie seither hervorgeholt…


Heute, Jahrzehnte danach, sind diese Taten verjährt. Sollte der Brandstifter noch unter uns verweilen, könnte er durchaus in einer gemütlichen Wohnung im Statdzentrum von Antibes leben, oder gar in einer der mondänen Luxusvillen auf dem Cap d’Antibes. Er müsste heute so um die 70 Jahre alt sein, vielleicht etwas mehr.

Zu gern würden wir von ihm erklärt bekommen, warum er damals Meharis angezündet hatte, und sei es auch nur in einer Art Verteidigungsplädoyer. Es wäre schon die Mühe wert es zu lesen, zu analysieren und darüber zu meditieren… Den niemand wird als Verbrecher geboren !

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#Antibes #CitroënAntibes #Marineland #Citroenmehari


Antibes : Sarah und Martel

Hungersnöte, Überschwemmungen, Missernten und Pest zeichneten die Epoche der Völkerwanderung nach dem Tode des römischen Kaisers Theodosius im Jahre 395 in der Provence. Es waren die düstersten Zeiten der Geschichte, und sie wollten und wollten nicht enden…


Als 711 auch noch eine Invasion durch die Sarazenen anstand, nachdem diese den westgotischen König Roderich besiegten und die Straße von Gibraltar überschritten hatten, wurde die Misere noch schlimmer. Und bald schon standen die maurischen Krieger vor den Toren der alten Stadt Antibes. Sie hatten am 20.August 730 die Festung auf der Lérinsinsel Saint-Honorat eingenommen und 500 Mönche zu Tode geschunden, machten sich daran die gesamte Gegend zu plündern, die Frauen zu vergewaltigen, brandzuschatzen… Erst Karl Martel konnte 732 bei Potiers die Sarazenen zurückschlagen. Dank des redegewandten Mönches Eblon, der im Auftrag Karl Martels Truppen in der Provence zusammenführen sollte, hatten auch die Adelsherren der Gegend Soldaten entsandt.

Nun wird erzählt, dass zu jener Zeit im mittelalterlichen Antibes ein Edelmann lebte, welcher ebenfalls Martel genannt wurde. Durch besondere Tapferkeit im Kampf gegen die Sarazenen hatte er es zu hohem Ansehen gebracht. Mit seinen getreuen Soldaten hatte er das Gelübde abgelegt, keinem Mädchen nahe zu kommen, geschweige die Ehe zu versprechen, solange der Feind nicht gänzlich aus der teuren Heimat vertrieben wäre.

Eines Tages aber ließ ihn das Schicksal zufällig eine gewisse Sarah treffen. Mit gesenktem Blick stand sie vor ihm. Er hob mit seiner Rechten ihr Kinn sanft an, und sah in ihre Augen. Da erkannte er sie, zunächst bestürzt, doch schon bald überwältigt: das bezaubernde Mädchen war niemand anderes als die wunderschöne Tochter des Maurenführers. Sarahs sanft lächelndes Gesicht strahlte ihn unschuldig an. Es war für beide Liebe auf den ersten Blick. Wie angewurzelt standen sie da, vergaßen Zeit und Umstände. Zärtlich streichelte er ihre schwarz glänzenden Haare. Behutsam legte Sarah ihren Kopf auf seine Brust… Plötzlich verdunkelte sich der Himmel und ein greller Blitz gefolgt von einem schallenden Donner liess die beiden zusammenzucken. Der Unmöglichkeit einer solchen Liebe zwischen Menschen zweier, verfeindeter Welten schlagartig bewusst, wies Martel sämtliche Gefühle von sich und lief umgehend davon. Sein Gelübde wollte er auf keinen Fall brechen. Nein, nie und nimmer wollte er Sarah wiedersehen.

Doch eines Sommerabends begegnete er ihr an einem Brunnen und warf sich der Geliebten zu Füssen. Sogleich tat sich eine Schlucht auf und riss das ungleiche Paar in die Fluten des tiefen Meeres. Kein Mensch hat sie seither wieder gesehen.

In Juan-les-Pins gleich landeinwärts hinter der Pinède heißt heute noch der bewaldete, kleine Park, wo einst der Brunnen stand, Parc Saramartel. Es ist eine friedliche Idylle zwischen dem teils maurischen, teils provenzalischen Villenflair den Straßenzügen der Avenue d'Alger, Avenue d'Oran und Avenue de Constantine im Osten, der Kirche Nôtre-Dame–de-la-Pinède im Westen und der Synagoge dazwischen. Und jedes Mal, wenn ein junges Liebespaar Händchen haltend auf einer der Parkbänke schüchtern sitzt, muss man unweigerlich an Sarah und Martel denken, vor allem wenn die beiden Verliebten aus unterschiedlichen Kulturen stammen.

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#Antibes  #Saramartel  # CotedAzur  #CapdAntibes


Februarkälte : Die Hiebe der alten Frau

Die letzten drei Tage des Februars und die ersten Tage im März wird es oft richtig kalt an der ganzen Provence, bis hin zur Küste. Die Provenzalen nennen dieses Wetterphänomen „Li reguignado de la Vièio“, auf französisch „les ruades de la Vieille“. Übersetzt heisst das soviel wie „Hiebe der alten Frau“.


Eine uralte Legende gibt dafür die Erklärung : Einst war da irgendwo in einem ländlichen Dorf des Hinterlands eine betagte Frau, die sich über das außergewöhnlich milde Wetter Ende Februar mit einem Spottgesang mokierte: „Adiéu ! Febrié, me ti febrerado. M’as fa ni pèu, nu pelado !“, was übersetzt heisst „Adieu Februar, mit deinen Wetterschlägen hast du mich weder gehäutet noch geschält“.  Bekanntlich kann es ja auch im Winter durch die Kälte zu schuppiger, gereizter Haut kommen, die sich zum Regenieren abschält. Zudem verlor in diesem Februar niemand Mutterschafe oder Lämmer, wie sonst so oft bei eisiger Kälte.

Sobald der Februar diese Worte gehört hatte, ging er zu seinem Kumpel Mars, um ich  zu bitten ihm drei Tage im März zu leihen. Februar wollte sich nämlich an dem alten, hämischen Weib gründlich rächen, ihr Haut und Fell abziehen.

Winter 1956 in Antibes

Gesagt getan, und es herrschte tatsächlich vom 26. Februar bis 3. März eine eisige Kälte, die grosse Schäden anrichtete und die Schafherde der alten Frau dezimierte.

Winter 1985 in Antibes

Und seither bricht in den letzten Tage des Februars und den ersten des Monat März in der Provence  eine raue Winterperiode ein, Jahr für Jahr.

Tatsächlich bezeugen historische Wetterbeobachtungen für diese Tage häufige Kälteeinbrüche. Unter der alten Frau, la Vieille, dieser Legende muss man symbolisch den noch anhaltenden Winter des vergangenen Jahres, eben la vielle année,  verstehen, ein Winter der zäh durchhält. Nach einer provenzalischen Wetterregel erhofften, vielmehr erflehten die Provenzalen schon ab dem 5. Februar, dem Fest der Heiligen Agathe, dass der Winter doch endlich zu Ende gehen sollte. Und während sie begannen in ihren Gärten Lauch zu säen sangen sie „Agueto, emporto la fres dins ton saqueto !“, also übersetzt „Agathe steck doch die Kälte in deinen Sack“.

Doch in der Provence, und das weiss heute jeder, hört der Winter erst Anfang März auf, wenn dann „Lou mes di foui“, der Monat der Narren, beginnt. Aber das wiederum ist eine ganz andere Geschichte…


Winter 1985 in Juan-les-Pins

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#Cotedazur #HiverCoted'azur #NeigeCotedazu NeigeAntibes

Gorges-du-Loup : Der schreckliche Irrtum des Heiligen Arnoux

Unweit von Saint-Paul-de-Vence befindet sich das malerische Dorf Tourettes-sur-Loup. Auf der Straße nach Grasse gelangt man zu einer Brücke, Pont du Loup genannt, wo eine abzweigende Straße in die tiefen Schluchten des Gebirgsflusses Loup führt. Ein Stück westlich der Brücke befindet sich eine Kapelle. An diesem Ort befand sich die ehemalige Einsiedelei des Heiligen Arnoux, einem der zahlreichen provenzalischen Volksheiligen. Die alteingesessen Familien Agard und Giraud waren massgeblich am Bau der Wahlfahrtskapelle beteiligt. Ein später Nachfahre, Jules Agard, töpferte in Vallauris mit Pablo Picasso.


Die Heiligenerzählung des Saint Arnoux, zu deutsch Heiliger Arnulf, ist eine schaurige Legende. Sie ereignete sich im 11. Jahrhundert. Arnoux war ein einfacher, anständiger Kleinbauer. Mit seiner Frau bewohnte er eine schlichte Hütte in dieser Bergregion, einige Meilen von seinem Elternhaus entfernt. Sein alte Mutter und auch sein greiser Vater liebten den Sohn von ganzem Herzen und unterhielten auch zu ihrer Schwiegertochter ein besonders inniges Verhältnis. Die Familie konnte sich aber wegen der anstrengenden Wegstrecke, die zwischen beiden Anwesen lag, nicht oft besuchen.

Eines Tages musste Arnoux wegen seiner Geschäfte für einige Zeit auf Reisen gehen. So verließ er seine Frau und erklärte ihr am Morgen der Abreise, dass er schon für einige Wochen fort sein werde. Doch kaum hatte er einen Halbtagesmarsch hinter sich, fiel ihm ein, dass er ein wichtiges Werkzeug daheim vergessen hatte. So kehrte er um und kam mitten in der Nacht bei sich zu Hause an. Er schlich ganz still auf Zehenspitzen in die Schlafstube, um seine Frau zu überraschen. Doch als er ans Bett kam wurde er bleich vor Schrecken: auf dem Kopfkissen lagen zwei Menschen. Schlief hier ein fremder Mann neben seiner Frau? Blind vor Wut zog er sein Messer aus dem Halfter und stach es in die Herzen der beiden Körper. Die beiden Opfer hatten gerade ihren letzten Atemzug getan, da kam Arnoux wieder zu sich und erkannte, dass er seinen eigenen Vater und seine eigene Mutter erdolcht hatte. Was für eine schreckliche Tat!

Grotte des Heiligen Arnoux : "La Grotte Saint Arnoux"

Und eigentlich wäre alles ganz einfach zu erklären gewesen. Am Nachmittag klopften seine Eltern an der Türe ihrer Schwiegertochter, weil sie überraschenderweise ein paar Tage auf Besuch zu ihrem Sohn kommen wollten. Die Hausherrin, welche die beiden Alten sehr gut leiden konnte, empfing sie so gastfreundlich sie konnte: Sie bereitete ein kräftige Suppe zum Abendessen und bot ihnen das gute Bett in der Schlafstube zum Übernachten an. Selbst schlief sie im Heu auf dem Speicher.

Über diese schreckliche Tat kam Arnoux nicht hinweg. Er ging, verrückt vor innerem Seelenschmerz, einfach fort, ohne zu wissen, wohin ihn seine Beine tragen würden. Er dachte auch daran sich selbst umzubringen. So stand er am Abgrund einer Schlucht. Doch zögerte er, wollte er doch nach dem schrecklichen Verbrechen des Doppelmordes an seinen Eltern, nicht noch eine Selbsttötung hinzufügen. So stieg er steil hinab in die Schlucht und fand dort eine Höhle vor, die auch heute noch Grotte d'Arnoux genannt wird. Hier verbrachte er den Rest seines Lebens in völliger Einsamkeit, um Sühne zu tun. Es heißt, er habe sich nur von Wurzeln ernährt und auf dem nackten Fels der Grotte geschlafen. Das dauerte so viele Jahre, dass ein Abdruck seiner Schädelform im Gestein verblieb und bis heute zu sehen ist. Seine Sühnebereitschaft war so unermesslich und sein weiteres Leben so gottgefällig, dass er bis heute in der ganzen Provence als Heiliger verehrt wird.



Das Dorffest in Bar-sur-Loup findet alljährlich an einem Wochende Anfang Juli statt.






Und der Quelle vor seiner Grotte wird eine Heilwirkung vor allem bei hartnäckigen Hautkrankheiten nachgesagt. In der Vergangenheit sollen verstümmelte und behinderte Menschen aus der ganzen Gegend hierhergekommen sein, um sich nach bestimmten Ritualen im klaren Wasser des Saint-Arnoux zu baden. Es heißt auch, dass bis Mitte des letzten Jahrhunderts zahlreiche Gichtkranke hier badeten.

Bei einer diözesanen Gebietsreform wurden im Septembre 2023 mehrere Pfarrgemeinden zusammengelegt, und jene von Roquefort les Pins, le Rouret, Chateauneuf-de-Grasse und Opio in „Paroisse Saint Arnoux“ umbenannt.

Arnoux Kapellen von Seillans im Var und
Le Mas mit renoviertem Altar (Photo rechts) im Grasser Hinterland.
 

Dass der hier verehrte Volksheilige nicht der Heilige Arnoux ist, welcher seinen katholischen Feiertag am 18. Juli hat ist klar. Die Quellen sprechen demnach von verschiedenen Personen. Ein Eremit der Lérinsinselns aus dem 4. Jahrhundert wird erwähnt, welcher hier Wunder gewirkt haben soll, auch der Heilige Arnulf von Metz (etwa 570 bis 640). Arnoux stand den Karolingern nahe, wurde in Trier zum Priester geweiht und 614 Bischof von Metz. 627 trat er von seinem Kirchenamt zurück und lebte von da an als Einsiedler in Remiremont (Rümersberg) in den Vogesen. Manchen Legenden zufolge soll er seinen Lebensabend in der Grotte der Loup-Schluchten verbracht haben, was aber sehr unwahrscheinlich ist.


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Alteingesessene Familien, zwei Kapellen und ein grosser Künstler

Die ursprüngliche Kapelle wurde seit jeher vom Pfarramt in Bar-sur-Loup unterhalten, obwohl nicht exakt bekannt ist, wer sie wirklich erbaut hat und sie eigentlich zur benachbarten Pfarrgemeinde von Tourrettes-sur-Loup gehörte. Manche sagen der Comte von Bar-sur-Loup sei der Bauherr gewesen, um Sühne für seine zahlreichen Missetaten zu leisten, darunter auch der Bruch des Fastengebotes. Wie dem auch sei, bei Unwetter und Starkregen wurde die ursprüngliche Kapelle 1867 stark geschädigt, nur die Büste des Heiligen Arnoux blieb unversehrt. Der Pfarrer von Bar-sur-Loup plante sie bald wieder neu erbauen zu lassen, vor allem, damit die zahlreichen Pilger zwischen Mitte Juli und Mitte September weiterhin kommen konnten.

Das Anwesen der Familie Agard

Die alteingessessene Familie Agard bot an, dieses Vorhaben zu finanzieren, wie es das Familienoberhaupt Antoine-Fortuné Agard schon in der Vergangenheit durch seine Grosszügugkeit bewiesen hatte, so beispielsweise eine Gabe der Antoniuskirche und des Taufbeckens in Bar-sur-Loup. Auf einer Gedenktafel, welche in Bar-sur-Loup konserviert ist, wird dokumentiert, dass die Pfarrgemeinde von Bar-sur-Loup das Niessbrauchrecht der Kapelle erhielt : « Honneur et reconnaissance à Mr Antoine-Fortuné Agard, qui a cédé à perpétuité la jouissance et l’usufruit de cette chapelle à la fabrique de l’église du Bar, sa patrie. 1867. »

Jules Agard und Picasso im Atelier Madoura 1949,
sowie ein Gemälde von Jules Agard, Paysage, 1963.

Die neue Kapelle entstand jedoch in Pont-du-Loup, also auf Gemeindegebiet des benachbarten Wehrdorfes Gourdon, was den damaligen Besitzer der zerstörten Kapelle, Victor Giraud, bewog alle  Mittel und Wege zu mobilisieren, die ursprüngliche Kapelle wieder in Stand zu setzen, blieb aber bis heute eine Ruine. Immerhin konnten auf diese Weise ab 1881 die Walfahrten erneut aufgenommen werden. Es fanden am 18. Juli traditionelle zwei Walfahrten statt, eine ging von Bar-sur-Loup aus, die andere von Tourettes-sur-Loup.

Die Kapelle in Pont-sur-Loup spielte keine Rolle mehr, die Heiligenstatue des Saint-Arnoux ist bis heute in Familienbesitz der Agard-Giraud, welche durch zahlreiche Bande und Eheschließungen. Beide Familien waren reiche Grosssgrundbesitzer, Kaufleute und zeitweise sogar Parfumeure in Grasse. Darüber hinaus besassen die Agards eine sehr bedeutende Olivenöl-Mühle. So war bereits Antoine-Fortuné Agard, 1827 in Bar-sur-Loup geboren, der Sohn von François Agard und Marie Cécile Rosalie Giraud. Die Familie verzweigte sich, und erweiterte ihren Einflussbereich im Westen des Departements Alpes-Maritimes. Am berühmtesten ist heute der Künstler Jules Agard (1905 – 1986) der im Atelier Madoura von Vallauris maßgeblicher Töpfer der Werke Picassos war.

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Antibes - Paoletta Bonaparte, die Feigendiebin

Fast so, als sollte dessen Existenz verschwiegen werden, schlummert versteckt und geduckt hinter Wohnblocks und einer Kirche neueren Datums an der Route de Grasse eines der ältesten Gebäude der Stadt Antibes, schon Anfang des 11. Jahrhunderts urkundlich erwähnt. Es ist ein provenzalisches Schloss, das mit niederen Rundtürmen an den vier Ecken des gedrungenen Gebäudekerns, einer verwitterten Fassade und den dunkel verschlossenen Fenstern mit länglichen Jalousieläden recht gespenstig wirkt. Der Name Château Salé stammt aus dem 17.Jahrhundert und geht vermutlich auf den Salzhandel zurück. Es gehörte einst einem reichen Stoff- und Kurzwarenhändler namens Augustin Serrat, ging dann durch Einheirat an die noble Familie Villeneuve-Tourettes-Vence. Als es in den Revolutionswirren in die Hände des neuen Besitzers Augustin Baliste kam, hatte der gute Mann sicher wenig Ahnung von der historischen Ehrwürdigkeit dieser alten Mauern.

Château Salé in Antibes

So blieb bis heute im Gedächtnis der Einheimischen nur folgende, eher heitere Geschichte über die Familie von Napoléon Bonaparte in Erinnerung. Diese betrifft eigentlich nicht den berühmtesten aller Korsen, sondern dessen Lieblingsschwester Paoletta, die sich erst Jahre später, als sie sich in Paris Pauline nennen ließ, eine gewisse Prominenz verschaffte, ohne jemals politische Bedeutung erlangt oder ein nennenswertes Herrschaftsgebiet zugesprochen bekommen zu haben. Ihr Ruf war ein ganz anderer, nicht immer der beste, und glaubt man den Niederschriften ihrer Zeitzeugen – woran nicht zu zweifeln ist – war sie eine skandalbeladene, nymphomanisch veranlagte Frau. Doch wirklich geliebt hat sie nur einen : ihren Bruder. Und diese Tatsache war damals schon in Antibes offensichtlich.



Das kam folgendermaßen: Nachdem der "kleine Korse" mit seinen republikanischen Truppen die Stadt Toulon von den Engländern befreit hatte, erhielt er als Belohnung eine Beförderung zum Brigadegeneral sowie eine nicht unerhebliche Geldsumme. Damit konnte er im März 1794 für seine Mutter und einige seiner Geschwister das stattliche Château Salé von Monsieur Baliste mieten, dem – wie gesagt - das Schloss und die angrenzenden Grundstücke seit kurzem gehörten. 




Schon einige Zeit zuvor war Napoléon in militärischer Mission in Antibes und ließ dabei unter anderem den Festungsturm Tour du Graillon instand setzen. Weil seine Lieblingsschwester Paoletta in Marseille eine Liebschaft mit dem 20 Jahre älteren Stanislas Freron einging, kam das Napoléon nur gelegen. So ein Kerl wie Freron, der während der Jakobinerherrschaft schreckliche Hinrichtungswellen über Marseille ergehen ließ, mit einer Schauspielerin gar schon in wilder Ehe lebte und Syphilis hatte, passte einfach nicht in die Familie Bonaparte. Dessen Heiratsantrag an Paoletta lehnte ihr Bruder Napoleon brüsk ab. Ihm erschien der familiäre Umzug nach Antibes wie eine erlösende Rettung.

Doch sollte ihm das Glück hier nicht lange gewogen sein, denn schon nach dem Fall Robespierres wurde er am 27. Juli 1794 verhaftet und im Fort Carré inhaftiert. 

Für seine Familienangehörigen war das Leben fortan nicht leicht. 



Im Wasser des Laval-Baches musste die Mutter gar eigenhändig Wäsche waschen. Und das Château lag doch vom Markt und dem Zentrum so weit entfernt, dass es fast ländlich wirkte, zumal auf den umliegenden Höhen Hirten ihre Herden weiden ließen, die Hänge mit Obst- und Olivenbäumen bestanden waren und auf den leichter zugänglichen Parzellen Gemüse angebaut wurde.


Besonders angetan hatte es Paoletta der schattige Feigenbaum am Nachbargrundstück vor dem Château. Es war ein stattliches Exemplar, voll besonnt an einer trockenen Stelle des Gartens, doch von angrenzenden Anhöhen geschützt, so dass niemals Fröste, so selten sie auch hier an der Mittelmeerküste vorkommen mochten, dem Baum in seiner Fruchtbarkeit schmälern hätten können. Sie konnte es nicht lassen sich unter dessen ausladenden Schattendach zu bewegen, tänzelnd eine Hand um die Taille des Baumstammes. Dabei vergaß sie ihre erste Liebe aus Marseille, dachte sie doch nur noch an ihren armen Bruder Napoleon, der im Gefängnis saß. Und nichts wünschte sie mehr, als dass er endlich wieder frei käme. 



Als sie dann am Morgen des 24. August 1794 erfuhr, dass ihr Bruder tatsächlich aus dem Kerker entlassen werde, ließ sie ihrer Freude singend und springend freien Lauf. Und weil es gerade die Zeit war, da die ersten Feigen reif wurden, wollte sie ihm bei seiner Ankunft eine Schale voller Früchte schenken. Sie schlich also in den Nachbargarten und fragte nicht weiter, wem nun dieser Baum gehörte, sondern fing einfach an, von den Feigen einen stattlichen Vorrat zu pflücken. Sie stieg sogar auf einen der grob verästelten, grauen Zweige, der stark und weit ausladend zahlreiche dieser fleischigen Früchte trug. Sie füllte ihren mitgebrachten Korb und danach auch die sackartige Tasche ihres umgebundenen Leinenschurzes. Und immer wieder öffnete sie eine der Früchte mit einem schnellen Biss, schob dann die Frucht hastig in den Mund. Denn sie liebte es, wenn dabei etwas breiiges Fruchtfleisch auf ihren Lippen verblieb und sie diesen süßlichen Rest dann mit der Zunge abschlecken konnte. Selbst der etwas bittere Beigeschmack bisweilen daran haftender Ameisen störte sie nicht.

Doch Paoletta blieb dabei nicht unbeobachtet, denn ein junger Bursche, der unweit des Gartens Ziegen hütete, sah sie und lief gleich zu dem Besitzer: "Monsieur Balsite, Monsieur Baliste ! In deinem Garten ist ein Mädchen und stiehlt Feigen!"


"Oh dieses Diebesgesindel!", schrie der Mann aus, nahm seinen Stock und rannte hinaus.

Doch Paoletta hörte und sah rechtzeitig den Hausherrn heranstürmen, sprang wendig vom Baum und machte sich blitzschnell aus dem Staub. Er rief ihr noch hinterher, dass sie das noch bitter büssen werde. Er ließ aber letztlich die Angelegenheit auf sich beruhen, weil auch er erfahren hatte, dass Napoléon freigelassen würde. Denn inzwischen war allseits bekannt, dass der kleine Korse, Karriere machen würde, auch wenn noch keiner ahnte, dass er sogar Geschichte schreiben würde, weil er schon bald mit dem Italienheer zum Staatsstreich nach Paris ziehen sollte.

Ob und wie sich Napoleon nun über die Feigen gefreut hatte, ist nicht überliefert. Jedenfalls war und blieb Paoletta seine Lieblingsschwester. Als einziges Geschwister folgte sie ihrem Bruder 1814 ins Exil nach Elba. Als Napoleon von Elba aufs französische Festland am 1.März 1815 zurückkehrte, schenkte sie ihm ein Brillantkollier mit den Worten: "Napoleon wird es brauchen können, wenn ihn sein Glück verlassen sollte." Sie sah ihren Bruder nie wieder. Doch heißt es, dass sie ihn auch nach Sankt Helena folgen wollte. Als sie von seinem Tod erfuhr, brach sie zusammen. In einem Brief schrieb sie: "Ich habe den Kaiser nicht als Souverän geliebt, nein, ich habe ihn als meinen Bruder geliebt. Und ich werde ihm bis zu meinem Tode treu bleiben."

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#Antibes  #Bonaparte  #Napoléon

Vallauris : Der irdene Topf

Eine alte Hexe hatte einen Sohn. Dieser war seit kurzer Zeit verheiratet und das Paar bewohnte zusammen mit ihr ein uraltes Haus. Jeden Abend um dieselbe Stunde verließ die alte Mutter die Wohnstube und ging in ihre Kammer. Die beiden Frischvermählten wussten einfach nicht, wozu und warum.



„Das ist doch eigenartig“, dachte sich die Schwiegertochter und machte sich drauf und daran, der Alten heimlich nachzuspionieren. Und dabei hörte sie eines  Abends, wie die Hexe murmelte: „Ougné, ougné pignatan, Pouarta me douna é aoutré san!“ Das war provenzalisch und hieß übersetzt: „Gesalbter, gesalbter, irdener Topf, bring mich dahin, wo die anderen sind!“

Und im selben Moment, indem die Schwiegertochter den Spruch hörte, riss sie geschwind die Tür auf, doch zu ihrem Erstaunen war die Kammer leer.

„Sie ist verschwunden!“, rief sie aus und dabei dachte sie, dass sie den Zauberspruch auch ausprobieren möchte. So sagte sie also: „Ougné, ougné pignatan, Pouarta me douna é aoutré san!“

Und flugs befand sie sich im Gipfel eines Nussbaumes worunter eine Anzahl Hexen ihren wilden Tanz zelebrierten. Unter diesen Hexen befand sich doch tatsächlich auch ihre eigene Schwiegermutter. Die junge Frau verhielt sich ganz still und lauschte den Worten der Hexen. Nachdem sie Rat gehalten hatten, nahm der Hexenmeister eine befehlende Stimme an und sagte zu ihrer Schwiegermutter: „Morgen wirst du dich in einen mächtigen Wurzelstrunk verwandeln und du legst dich quer  über den Weg, worauf dein Sohn aufs Feld reiten wird. Der Maulesel wird stürzen und sein Reiter sich dabei das Genick brechen.“

Die angesprochene Alte antwortete nicht, war sie doch dazu verpflichtet bedingungslos das zu tun, was ihr angeordnet wurde. Der Hexenmeister fügte mit grausiger Stimme hinzu: „Ich will auch, dass der Königssohn stirbt. Er soll von einer schlimmen Krankheit befallen werden und daran schwächlich und elendig zugrunde gehen.“

„Wenn aber eine von uns ihn heilen möchte“, fragte eine der Hexen, „was muss sie tun?“

„Das wird keine von euch tun“, antwortete der Hexenmeister, „doch werde ich euch schon das einzige Gegenmittel verraten.“ So zählte er eine Reihe von Kräutern auf, woraus das Heilmittel zu brauen sei. Unter den Hexen herrschte grausiges Schweigen bis schließlich der Hexenmeister lauthals brüllte: „Der Hexentanz ist vorüber und alle werden wir verschwinden.“ Und mit einem Zischen, Rauchen und Blitzen zischten die Hexen und ihr Meister in alle Richtungen davon. Die Schwiegertochter fand sich alleine zurück in ihrem Baum. So murmelte sie erneut den Spruch: „Ougné, ougné pignatan, Pouarta me douna é me san!“ Das heißt: „Gesalbter, gesalbter, irdener Topf, bring mich dahin, wo die meinen sind!“ Auf diese Weise gelangte sie zurück in ihr Zuhause.

Am folgenden Tag folgte sie ihrem Mann auf den Weg zum Feld: „Du reitest auf dem Maulesel und ich führe ihn und trage auch die Hacke“, befohl sie ihm. Der Mann verstand seine Frau zwar nicht, doch ließ er sie gewähren. Nur fragte er sich innerlich, ob sie verrückt geworden sei. Denn entlang des gesamten Weges schlug sie sämtliche Wurzeln aus. Als sie schließlich eine übergroße Wurzel erblickte schlug sie diese mit einem kräftigen Hieb entzwei. Die alte Hexe sollte ein gebrochenes Bein davon erleiden, doch wussten die beiden in diesem Moment noch nicht, dass es keine Wurzel war, sondern die eigene Mutter. Erst als das Paar auf dem Feld angekommen war, erklärte die junge Frau, was sich gestern Nacht ereignet hatte. Jetzt war er froh, dass sie ihn begleitet hatte und die Wurzeln ausschlug. Auch wenn er die ganze Geschichte nicht so recht glauben wollte, bewies es ihm doch die Liebe seiner getreuen Frau.

Umso erstaunter war er, als er abends beim heimkommen seine Mutter leidend im Bett liegen sah: „Ja, was fehlt dir denn?“, fragte er und blickte erschrocken in die Augen seiner Frau. Die Alte antwortete nicht und stellte sich schlafend. Doch die beiden Jungen gaben nicht nach bis sie schließlich zugab, sich ein Bein gebrochen zu haben. Der Sohn war kreidebleich geworden. Die Schwiegertochter jedoch fügte eindringend hinzu: „Und wie ist dir das passiert?“

„Das wagst du noch zu fragen“, stieß die Hexe aus, „du warst es doch, du hast mir das angetan!“

„Hatte ich also guten Grund, mich vor dir in Acht zu nehmen“, erwiderte aufgeregt die junge Frau. „Ich weiß alles! Ich habe euch belauscht. Ich saß nämlich im Nussbaum als du und dein Hexengesindel unten Rat hielten.“

Einige Tage später starb die Hexe. Ihre Verletzungen hatten sich arg entzündet.

Doch während dieser Tage erkrankte auch der Königssohn. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich stündlich und die Ärzte waren ratlos. Schließlich versprach der König demjenigen eine überaus stattliche Belohnung, der seinen Sohn heilen könnte.

So begab sich die Schwiegertochter der alten Hexe in den Wald und sammelte die Kräuter, welche der Hexenmeister genannt hatte. Daraus braute sie eine Arznei, welche sie zum Palast trug und bat, das Königskind behandeln zu dürfen. Das Mittel erfüllte seinen Zweck und binnen weniger Stunden war der Heilungsprozess eingeleitet und nach einer Woche war das Kind wieder völlig gesund. Der König wollte die Wohltäterin künftig in der Nähe seines Schlosses wissen und gab ihr deshalb nicht nur die versprochene, reichliche Belohnung, sondern ihr und ihrem Mann auch eine Stellung am Hofe.



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