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Jacques Audiberti (1899–1965): Ein Dichter zwischen Meer, Mythos und Mensch

Jacques Audiberti war mehr als ein Schriftsteller. Er war eine Stimme - eigensinnig, schillernd, unbändig - und eine der markantesten Gestalten der französischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Sein Leben wie sein Werk sind tief verwurzelt in der Erde und dem Licht seiner Geburtsstadt Antibes. Dort, wo das Mittelmeer Geschichten in die Wände der Altstadt meißelt, wuchs Audiberti auf: als Sohn eines Bauunternehmers, als Träumer, als Kind mit offenen Augen und lauschendem Geist.



Poet, Romancier, Dramatiker, Journalist, Maler, Philosoph - Jacques Audiberti war ein Grenzgänger der Formen. Sein Stil: ein Rausch aus Fantasie, Witz und gedanklicher Tiefe. Seine Sprache: lyrisch, bisweilen wild, doch stets präzise im Ausdruck der inneren Welt. Er war ein Architekt des Imaginären, ein Alchimist des Wortes, ein Liebhaber der Absurdität.

Die frühen Jahre in Antibes - zwischen Schulbänken, Steinmauern und sonnengetränkten Gassen - prägten sein dichterisches Universum. Seine erste Fremdsprache war Deutsch, nicht Latein. Mathematik? Ein Graus. Und Sport? Verhasst - mit Ausnahme des Luftgewehrs auf der Kirmes. Doch gerade diese Eigenheiten, diese Abweichungen vom Erwartbaren, machten ihn empfänglich für das Ungewohnte, das Staunenswerte.



Die Stadt am Meer wurde zur Bühne seiner Imagination. Die Rue Saint-Esprit, wo er lebte, taufte er in seiner Dichtung liebevoll „Rue Amen“. Das ist konsequent! Antibes war ihm nicht nur Heimat - es war Landschaft des Herzens, Metapher der Kindheit, Echo einer ursprünglichen Kraft.




Bereits mit dreizehn verfasste er eine Rede für seinen Vater, den Maurermeister. Kurz darauf begann er als Gerichtsdiener am Handelsgericht zu arbeiten, wo sein Vater zum Laienrichter berufen war – ein seltsamer Rollentausch zwischen Ordnung und Aufbegehren. Bald erschienen seine ersten Texte in der Lokalzeitung Le Réveil d’Antibes: Gedichte, Glossen, Beobachtungen - zarte Skizzen einer Stimme, die bald unüberhörbar werden sollte.






Audiberti war eine eigenwillige Gestalt. Zwar besaß er einen Führerschein, fuhr aber nie Auto - als wolle er sich der Geschwindigkeit der Moderne entziehen. Er war von zurückhaltendem Wesen, von der Mutter behütet, den Zorn des Vaters fürchtend. Und doch - seine sonore Stimme, sein Charisma, seine Sprachgewalt machten ihn unwiderstehlich.




Von Paris aus in die Welt – und immer wieder zurück nach Antibes

Im Jahre 1925 folgte er dem Ruf Edmond Rostands nach Paris. Dort verdingte er sich zunächst als Journalist bei Le Journal, später bei Le Petit Parisien. Er berichtete über Verbrechen, schrieb Filmkritiken für Comoedia und bewegte sich durch die surrealistische Szene, ohne sich ihr je ganz zu verschreiben. Über Benjamin Péret kam er ihr nah - und blieb doch eigen.


Er heiratete Élisabeth-Cécile-Amélie Savane, eine Lehrerin aus Martinique, eine Frau von seltener Klugheit und literarischer Finesse. Sie übersetzte später George Orwells "1984" ins Französische - ein Werk, das prophetischer kaum sein könnte. Madame Audibertis drei Vornamen  setzte der Schriftsteller gar in poetisches Denkmal.





Porträt seiner beiden Töchter Jacqueline une Marie-Louise, gezeichnet von Jacques Audiberti





Sein Debüt, L’Empire et la Trappe, erschien 1930 – gefördert vom Vater. 1938 erhielt er für Race des hommes den Prix de poésie der Académie Mallarmé. In jenen Jahren traf er Paul Valéry und Jean Cocteau - Geisterverwandte im Denken und Dichten.



Als der Krieg Europa heimsuchte, kehrte Audiberti heim, nach Antibes. Dort entstanden Werke wie Rempart und La Beauté de l’amour, getragen von jener bittersüßen Melancholie, die ihn durchzog. Der Sommer gehörte der Rückkehr: Ankunft am Bahnhof, ein Hauch südlicher Brise, ein Gang durch vertraute Straßen. Er roch an der Luft, kostete Pissaladière, tauchte ein in die Düfte einer heimischen Aioli und die diskrete Subtilität eines Kürbisgratin oder einer lauwarmen Ratatouille, so als nähre ihn die Stadt nicht nur kulinarisch, sondern geistig.

 


Der Abhumanismus – eine Philosophie jenseits des Menschen

Gemeinsam mit dem Künstler Camille Bryen entwarf Audiberti Ende der 1940er Jahre eine neue Sicht auf den Menschen: den Abhumanismus. Eine Philosophie ohne System - mehr Gefühl als Gedanke, mehr Zweifel als Dogma. Der Mensch, so der Tenor, sei nicht das Maß aller Dinge, sondern nur ein Element des Kosmos - zweifellos das aktivste, aber nicht das wichtigste.

Audiberti beim Malen,
Zeichnung von Hugo Cleis


Im Jahre 1952 veröffentlichten sie gemeinsam L’Ouvre-boîte, ein schillerndes Werk zwischen Science-Fiction, Dialog und Traum. Ein Schriftsteller und einem Maler sprechen in ein „Atomophon“, reisen in die absurde Welt, spielen mit Erzählformen, mit Identitäten, mit Sinn und Unsinn. Das Buch ist ein Abenteuer - literarisch wie existenziell.

Abhumanismus ist, was zurückbleibt, wenn der Mensch sich selbst überdrüssig wird. Eine Welt „ohne den Menschen, den wir kennen“ - roh, unberührt, vor aller Kategorisierung. Ein Gedankenspiel, eine Vision, vielleicht eine Warnung.





Ein Leben voller Widersprüche

Audiberti war ein Mann der Extreme: Lachen und Weinen, Leiden und Mitleiden – nichts halbherzig. Politisch war er nicht zu greifen. Er war befreundet mit dem Trotzkisten Péret ebenso wie mit dem Faschisten Drieu La Rochelle. Er misstraute Ideologien, liebte aber den Gedanken, der Mensch könne durch Politik verwandelt werden – zum Besseren.


Deutsche Ausgabe des Romans 
Les tombeaux ferment mal, 1963 in Paris bei Gallimard erschienen, und ein Jahr später von Stahlberg verlegt.





Was bleibt von Audiberti? In einer Welt, die sich rasant gewandelt hat, scheinen seine Texte wie aus einer anderen Zeit - und doch sprechen sie zu uns. Er war kein Sartre, kein Camus - keine klare Botschaft, kein moralischer Imperativ. Doch seine Stimme war authentisch, aus dem Süden, aus Antibes, aus jenem Mittelmeerraum, der so viele Götter geboren hat und so viele Dichter.



Er mochte Warten auf Godot von Samuel Beckett nicht, sah in Jean-Paul Sartre wohl einen Rivalen, eifersüchtig. Zwischen Fatalismus und Freiheit suchte er jenen dritten Weg - den poetischen, den paradoxen. Gibt es ihn noch, heute, in dieser zersplitterten Gegenwart?

 


Späte Ernte und bleibender Glanz

Zwischen 1946 und 1952 blühte Audiberti auf. Seine Dramen, Romane, Gedichte wurden veröffentlicht, ausgestellt, inszeniert. 22 Romane, zehn Gedichtbände, 30 Theaterstücke – ein Opus voller Farben, Stimmen und Schatten.



Im Jahre 1953 holte ihn François Truffaut zu den Cahiers du Cinéma. 1962 wurde sein Stück La Fourmi dans le corps an der Comédie-Française uraufgeführt - ein Ereignis, ein Aufruhr. Jacques Baratier verfilmte La Poupée - Audiberti war selbst an der Produktion beteiligt.


Zu den bedeutendsten Werken zählen La fin du monde (1941), das Theaterstück Quoat-Quoat (1946) und La Poupée (1956). 1964 wurde ihm der Grand Prix National des Lettres sowie der Prix des Critiques verliehen - späte Ehrung für ein ungebändigtes Genie.



Jacques Audiberti starb am 10. Juli 1965 in Paris. Claude Nougaro, sein Freund, schrieb ihm zu Ehren das Lied Chanson pour le maçon - eine Hommage an den Vater und den Sohn. Sein Stil, seine Denkweise, sein Humor - all das lebt fort, nicht nur in Büchern, sondern auch in der Luft von Antibes, in den alten Mauern...


Der Literaturpreis Grand Prix Littéraire de la Ville d’Antibes Jacques Audiberti, zeichnet seit 1989 literarische Werke und Autoren unter mediterranem Einfluss aus, ebeneso seit 2020, Le Prix Jeune Audiberti, der sich an Autoren unter 26 wendet, das Alter als Jacques Audiberti fortging, um sein Glück in Paris zu suchen.




In Antibes trägt seit 1973 das Gymnasium seinen Namen. Dort feiert man ihn, liest ihn, erinnert sich. Denn wer einmal mit Audiberti sprach – durch seine Texte, durch seine Bilder -, wird seine Stimme nicht mehr vergessen.


#Antibes  #JacquesAudiberti  #Audiberti  #Cotedazur

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Jean Giono : Über einen, der nicht in Antibes leben wollte

Forsch hatte er einst die Versetzung aus dem provinziellen Manosque ins mondäne Antibes abgelehnt. Das war lange bevor er ein weltberühmter Schriftsteller wurde. Wegen seiner pazifistischen Grundsätze mißverstanden, wurde er nach dem Zweiten Weltkrieg für einige Jahre mundtot gemacht. Zur Verleihung eines Literaturpreises kam er später doch noch an die Côte d’Azur, und wurde damit rehabilitiert. Es geht um Jean Giono, dessen humanistisches Romanwerk ganz einfach und natürlich die provenzalische Ländlichkeit erzählt, und sich gleichzeitig universell gegen die Brutalität der Gesellschaft des 20. Jahrhunderts revoltiert.


So spricht wirklich keiner, für den Bilanzsummen eine spannende Lektüre sind : „Und er ist wiedergekehrt der gewaltige Frühling. Der Süden tut sich auf wie ein Mund, und hervor quillt ein Atem feucht und lau, und die Blüten erbeben in den Samenkörnern, und die Erde beginnt zu reifen wie eine Frucht…“ Trotzdem war Jean Giono eigentlich Banker und brachte es bis zum stellvertretenden Filialleiter in Manosque.

Manosque und die Colline Mont d'Or

In dieser Kleinstadt der Haute-Provence kam Giono am 30. März 1895 zur Welt. Sein Vater, Anarchist und Schuster, stammte aus einer Immigrantenfamilie aus dem italienischen Piemont. Er verschaffte ihm nach der Schulzeit eine Lehrstelle in der lokalen Bankfiliale des „Comptoir National d’Escompte de Paris“, ein Vorgänger der heute größten französischen Depositen-Bank BNC.

Bis dahin ist das eine durchaus alltägliche Biographie, an der nichts ungewöhnlich scheint. Aber dann kam der Krieg.

Jean Giono mit seinem russischen Freund Ivan Ivanovitch Kossiakoff

Mit zwanzig Jahren wurde Giono als Montagnard nach Flandern in den Stellungskrieg geschickt. Dorthin, wo die ungeheuerliche Brutalität des Ersten Weltkrieges wohl jeden Frontsoldaten in Verrohung der Gefühle und in Todesangst stürzte. Giono ist sich später sicher, keinen Menschen getötet zu haben. Er machte sein Gewehr unbrauchbar. Er wird radikaler Pazifist. Technik, Zivilisation, Krieg und Tod einerseits und Natur, Solidarität, das Leben andererseits : ein absoluter Gegensatz. So empfindet Giono, als er nach dem Krieg nach Hause zurückkehrte. Das ist seine Weltanschauung und Leitmotiv aller seiner Dichtungen.

Jean Giono mit seiner Mutter während des Zweiten Weltkriegs

Gegen Krieg und Politik, die zum Krieg führt, schreibt Giono 1937 in „Refus d’Obéisance“: „Ich ziehe es vor zu leben. Ich weigere mich, mich zu opfern. Niemand braucht sich für mich zu opfern, wer immer er sei. Ich bin nur bereit mich für mein eigenes Glück und das Glück der anderen zu opfern. Man mache sich keine unnötige Mühe. Ich weiß, woran ich bin.“ Zu dieser Zeit ist er bereits ein bekannter Schriftsteller.



Friedenspamphlet aus dem Jahre 1938








Aus dem Krieg kehrt er aber erstmal in seine Bank zurück. Giono hat Mutter, Frau und Tochter zu ernähren. Er nimmt diese Pflicht ernst. Er ist kein genialischer Dichter, der seine Umwelt ignoriert. Genauso ernst nimmt er auch seine pazifistische Überzeugung. Er schafft sich Feinde. Man verdächtigt ihn, Kommunist zu sein. In dieser Zeit beginnt Giono zu schreiben. Abends nach Feierabend, allein mit sich, aber völlig überzeugt von seiner Berufung.

Auszug aus dem Angestelltendossier der Bank in Manosque
 über Jean Giono aus dem Jahre 1912

Im Jahre 1929 erschien sein erste Buch Colline (Der Hügel), danach Un de Baumugnes (Der Berg der Stummen) und 1930 Regain (Ernte). Erfolg stellt sich sofort ein. Seine Bücher werden gelesen, übersetzt und bestaunt. Sie handeln nicht von Krieg und Tod, von Gesellschaft und Psyche, sie scheinen vollkommen unzeitgemäß.

Giono erzählt von Bauern, Tagelöhnern und einfachen Menschen seiner Heimat. Er erzählt vom Landleben, das keine romantische Angelegenheit war. Es war eine Frage von Leben und Tod, von Kämpfen mit der Natur, also mit Kräften, die stärker sind als wir selbst. Wir modernen Menschen erfahren solche Kräfte am ehesten noch in der Ohnmacht schwerer Krankheit oder großer Schmerzen – falls gerade keine Schmerztablette zur Hand ist. Es ist die Gewalt des Lebens, die uns in solchen Simulationen vollkommen gefangen nimmt. Und wer vielleicht an das erste Verliebtsein zurückdenkt, erinnert sich an das positive Gegenteil, die Macht der Gefühle, mit denen man die ganze Welt umarmen möchte. Was wir nur noch selten erleben, das ist für Gionos Figuren Alltagsleben, der alltägliche Kampf mit dem Leben.





Das Anwesen im Grünen «Lou Paraïs» hat Jean Giono bereits 1930 gekauft, abseits städtischer Hektik.




Weil aber jeder die Kraft des Lebens – im Guten oder im Schlechten – erfahren hat, sind Gionos Erzählungen auch keinem fremd. Unzeitgemäß, das sind sie eben nicht. Giono kümmert sich nicht um Zeitgeist. Er verbreitet keine Exotik, kein Klischee, keine Heimatroman-Stimmung. Die Geschichten, sei es Liebe in Der Berg der Stumme oder Ernte (Regain) eines aussterbenden Dorfes, sind echt und wahrhaftig. Gionos kraftvolle und poetische Sprache findet für sie wunderschöne Worte und faszinierende Bilder.



Jean Giono in seinem Arbeitszimmer, wo er den Großteil seiner Werke verfaßt hat.




Giono schreibt 1934 im Rückblick: „Sofort habe ich für das Leben geschrieben. Ich habe das Leben geschrieben. Ich wollte alle Welt vom Leben betrunken machen. Ich wollte das Leben wie einen Sturzbach dahinbrausen und tosen lassen, damit er sich über all diese trockenen und verzweifelten Menschen stürze, sie mit den kalten, grünen Wellenschlägen des Lebens peitsche, ihnen das Blut unter die Haut treibe, sie mit Frische, Gesundheit und Freude überwältige, sie mitsamt ihren beschuhten Füssen entwurzle, und mit sich fortschwemme.“ Aber was hat das noch mit Pazifismus zu tun ? Er fährt fort: „Denn was das wirre Rauschen und Tosen des Lebens einmal hinweggetragen hat, das kann nie und nimmer mehr den Krieg und die soziale Ungerechtigkeit verstehen.“



Offizielle moneagssische Mitteilung : Literaturpreis 1953 geht an Jean Giono.





Das ist es. Giono war schnell anerkannt, konnte als freier Schriftsteller leben. Aber er ließ, auch während der Besatzung Frankreichs durch die Nazis und der Vichy-Regierung, nicht von der pazifistischen Verweigerung ab. Der Kollaboration verdächtigt, hatte er 1944 – 1947 Veröffentlichungsverbot. Aber mit der Zeit kam seine Rehabilitierung. Und acht Jahre später, 1953, erhielt Jean Giono den Literaturpreis "Prix Littéraire Pierre de Monaco" für sein Gesamtwerk. In der 16-köpfigen Jury saßen u.a. Marcel Pagnol und Georges Simeneon. 

Dabei kam er auch öfter durch Antibes, der Stadt, welcher er Ende der 20er Jahre einen Korb erteilte. Dazu hat er sich nur ausweichend ausgesprochen. Er begründete das Verbleiben in Manosque durch seine Heimatverbundenheit, wie er im Jahre 1958 erzählt : „Zu dem Zeitpunkt, als ich an dem Roman Colline zu arbeiten begann, hatte ich bereits 17 Berufsjahre als Bankangestellter hinter mir, und eigentlich in keinster Weise die Absicht diesen Beruf aufzugeben. Ich war glücklich, der Beruf gefiel mir wirklich gut.“



1956 präsidiert Jean Giono die Preisjury des "Prix Littéraire Pierre de Monaco", rechts sitzt Marcel Pagnol.



Ein Jahr später wurde er in die Académie Goncourt aufgenommen, er begann sich zusammen mit Marcel Pagnol zunehmend der Kinobranche zuzuwenden. Er präsidierte das Filmfestival von Cannes 1961, in dessen Jury auch die schweizer Schauspielerin Liselotte Pulver sass.



 Liselotte Pulver und Willy Brandt 1971.






Jean Giono gilt als einer der bedeutendsten französischen Schriftsteller des 20. Jahrhundert. Während des Algerienkrieges engagierte er sich in der Friedensbewegung mit seinen Freunden André Breton, Albert Camus, Jean Cocteau und Abbé Pierre.

Giono mit seinen Freunden Bernard Buffet und Jean Cocteau


Man nannte ihn den immobilen Reisenden. Am 9. Oktober 1970, ist Giono in seinem Landhaus „Lou Paraïs“ in Manosque gestorben.




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#Antibes #Provencelitertur #Giono #JeanGiono

Marcel Pagnol : Eroberung des Glücks


Neugierig, temperamentvoll, humorvoll, gebildet und begabt. Geschichtenerzähler, Stückeschreiber, Filmemacher, Erzähler seines Lebens. Genie der Freundschaft, Heimatdichter, Produzent, Filmindustrieller, Erfinder, Millionär, Glückskind. Seine steile Karriere entfachte sich weit entfernt von seiner Heimat, in einer europäischen Hauptstadt. Nicht nur die Provence, auch die Côte d’Azur hat er nachhaltig geprägt. Vor allem Monaco und La Gaude spielten in seinem letzten Lebensquartal eine Hauptrolle,  Cannes und Antibes waren ebenfalls Stationen. Um wen es geht? Marcel Pagnol.

Sein Leben und sein Werk sind nicht zu trennen. Seine Theaterstücke, Filme und Bücher zeigen Marseille und die Provence, die Menschen und ihr Lebensgefühl. Er schuf sein Werk nach dem Selbsterlebten, aus dem eigenen Lebenszusammenhang heraus mit Freunden, die ihn teilweise jahrzehntelang begleiteten. Werk ist ein großes Wort. Pagnol schrieb Theaterstücke, machte Filme, verfasste Autobiographisches, drei Romane und eine Novelle. Das klingt vielleicht schon nicht mehr so gewaltig. Aber dahinter steckt trotzdem mehr, nämlich eine außerordentliche Begabung zum Erfolg, ein Talent für Freundschaft und große Erzählkunst.

Das Geburtshaus von Marcel Pagnol in Aubagne. Pagnol im Jahre 1931, 1948
 und mit seiner Frau Jacqueline 1955 in La Gaude.

Geboren am 28. Februar 1895 in Aubagne bei Marseille, aufgewachsen in der südfranzösischen Hafenstadt als Sohn eines Volksschullehrers, der seinen Bildungsehrgeiz auf ihn übertrug, ihm den Besuch des Gymnasiums und das anschließende Lehrerstudium in Aix-en-Provence ermöglichte, kannte Pagnol schon als junger Erwachsener nur ein Ziel: Er wollte ein berühmter und womöglich reicher Dichter werden. Sein Vorbild war Edmond Rostand, der Autor des Cyrano de Bergerac. Aus Marseille stammend, stürmte er im Alter von 29 Jahren mit diesem Klassiker die Pariser Theaterbühnen und wurde wenige Jahre später zum Mitglied der Académie Française gewählt.  Ihm wollte es Pagnol nachtun. Aus damaliger Sicht war das der ganz normale Größenwahn eines ansonsten humorvollen, sympathischen und zur Freundschaft begabten Achtzehnjährigen. Rückwirkend war es ein Programm, ein Plan den Pagnol eindrucksvoll in die Tat umsetzte.


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Marcels Topazette : das provenzalische Dreiliterauto

1955 wurde Marcel Pagnol zum Präsidenten der Filmfestspiele von Cannes ernannt. In diesem Jahr wurde zum ersten Mal die „Palm d’Or“ verliehen, inspiriert vom Stadtwappen wurde sie von der Künstlerin Lucienne Lazon geschaffen. Prämiert wurde der amerikanische Regisseur Delbert Mann für seinen Film „Marty“. Das passt zu Pagnol : Ein italienischer Metzger und übrig gebliebener Junggeselle. Er trifft die Volksschullehrerin Clara, und trotz aller Wirren und Intrigen, dem Widerstand der Gesellschaft, der Freunde, der Familie, findet das Paar zusammen.


Filmfestival Cannes 1955 unter Präsidentschaft von Marcel Pagnol

Zu jener Zeit begab er sich nach Cannes mit seinem Amischlitten, einem Packard Clipper mit 8-Zylinder-Motor. Autonarr war er nicht wirklich, schon eher Mechaniker. Und gleichzeitig Erfinder. Er hatte sogar ein Patent angemeldet, für einen „Abschraubbolzen“, den er "boulon indéboulonnable" nannte. Das wissen nicht viele.


Skizze des Abschraubbolzens und das einzige Foto des Pagnol-Autos Topazette

Marcel Pagnol war ein einfacher Mann. Jeden Morgen setzte er sich zur gleichen Zeit vor eine leere Seite seines Notizbuchs, tauchte seinen Füller in violett-blaue Tinte und schrieb, mehrere Stunden lang. Das war ein Ritual.

So entwarf er auch ein besonderes, etwas anderes Auto. Es sollte billig sein, nur 3000 Francs kosten. Drei Sitze, drei PS, drei Räder, drei Liter auf 100 km. Er nannte es „Topazette“. Nein, das ist kein Unsinn, Fotos aus dem Familienarchiv beweisen das. Mitte der Dreissiger Jahre  fertigte er ein erstes Exemplar in der Werrkstatt seiner Filmstudios. Er hatte Großes vor, eine Autofabrik in Marseille wollte er gründen, den französischen Markt erobern. Doch die Topazette kam nicht weit. Schon die erste Ausfahrt im Parc Borely oberhalb des Prado von Marseille war ein Desaster.


Schüler aus Aubagne bauten mit ihrem Lehrer M. Mebrouk
im Jahre 2017 die Topazette nach


2017 bauten Schüler der Fachoberschule Lycée Professionelle Gustave Eiffel von Aubagne das Fahrzeug nach. Sie arbeiteten verbissen und unaufhörlich, drei Monate lang. Die Topazette fährt dann tatsächlich. Heute steht das Auto stolz in der Werkstatt des Lycée Eiffel.

Marcel Pagnol hätte das gefallen. Seine Theaterfigur Topaze war  ja auch Lehrer. Ein Mann mit tadellosem Bürgersinn und  bescheidenen Gehalt, bis er ungerechterweise entlassen wurde...

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Wie wird man als Autor berühmt? Nicht mit Gedichten in klassischem Versmaß. Auch nicht mir intellektueller Prosa. Man musste die große Vergnügungsindustrie bedienen, man musste fürs Theater schreiben. Der Autor war an jeder Aufführung seines Stücks prozentual beteiligt. Sehr erfolgreiche Stücke konnten mehrere hundert Aufführungen erreichen. Ein Hit, und man hatte es geschafft. 1922 kam Pagnol als Hilfslehrer nach Paris. Er hatte bis dahin ein paar Gedichte geschrieben, ein wenig Prosa, hatte in Marseille eine kleine Literaturzeitschrift gegründet, aber noch nichts veröffentlicht. Nobody aus der Provinz hatte jedenfalls die Absicht, Paris zu erobern.

Er setzte seinen Charme ein, schaffte sich Freunde, baute Beziehungen auf und arbeitete beharrlich. Drei Jahre später wurde sein erstes Stück aufgeführt, 1926 hatte er mit "Jazz" einen Achtungserfolg. Ein Jahr später kam mit Topaze, einer Satire über das Karrierestreben, der Durchbruch, allerdings nicht in Frankreich, sondern in Berlin. Das Stück wurde 1927 in Deutschland am Renaissance-Theater in Berlin-Charlottenburg aufgeführt und war ein Riesenerfolg. So kam es in der darauffolgenden Saison zu einer Inszenierung am Théâtre des Varietés in Paris. Es feierte mit mehr als achthundert Aufführungen in der französischen Hauptstadt einen außergewöhnlichen Erfolg.  Hunderte und aberhunderte Aufführungen folgten in französischen Provinzstädten, und selbst eine internationale Tournee wurde unternommen. Überall applaudierte das Publikum begeistert, überschüttete Pagnol mit Standing Ovations.

Schnell folgten die zwei Stücke, die ihn dann tatsächlich reich und weltberühmt machten: Marius und Fanny.

Was waren das für Stücke? Eine junge Muschelverkäuferin wird von einem jungen Barkeeper und einem senilen, aber reichen Kaufmann umworben. Verwechslungen, Verwirrungen, Irrungen Herz, Schmerz und Liebe. Marseiller Lokalkolorit, Hafenromantik und Kneipenszenen. Komödie, Boulevardtheater. Das sieht nach Berechnung aus. Ein gut nachgekochtes Erfolgsrezept, aber keine Dichtung. Das ist der Vorwurf, den ihm die intellektuelle Kunstszene fortan zwischen den Zeilen machen wird, der ihn zum Film bringt und den klassisch Gebildeten lebenslang schmerzt. Er übersetzt Vergils Bucolica und Shakespeares Sommernachtstraum, er schreibt ein anspruchsvolles Stück über den Apostel Judas. Umsonst, die Intellektuellen werden ihn nicht akzeptieren.


Pagnolesque Boules-Szene : Santons aus Aubagne

Trotzdem ist an diesem Vorwurf nichts dran. Er beruht ja auch nur auf einem formalen Argument: Pagnol beschreibt Triviales und er hat Erfolg damit. Der Vorwurf lautet nicht: Pagnol schreibt trivial. Pagnol beschreibt Liebe und Leid kleiner Leute. Er beschreibt sie mit Humor und Wahrhaftigkeit. Seine kleinen Leute sind Charaktere. Mit Humor werden ihre Schwächen bloßgelegt. Die Zuschauer und Leser lachen über sie, wissend, dass es auch ihre eigenen sind. Es ist ein ständiges Augenzwinkern in Pagnols Geschichten. Und wenn es dann zur Sache geht, wenn Tod und Schmerz und Elend verantwortet werden müssen von den Bösewichten, dann gibt es auch immer nachvollziehbare Gründe für deren Tun und es gibt die Mitschuld der anderen. Nirgends wird schwarzweiß gezeichnet, in gut und böse aufgeteilt, werden spießbürgerliche Moral- und Tugendtafeln aufgestellt. Pagnols Werk ist von einer Botschaft durchdrungen: Achtet die Menschenwürde!

Noch ein anderes hebt Pagnol weit über das Boulevardeske, Triviale hinaus, die Magie seiner Sprache. In den Fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts beginnt er seine Memoiren zu veröffentlichen und sie haben den gleichen überwältigenden Erfolg wie seine Theaterstücke in den Dreissigern. Heute gehören sie zum Kanon französischer Schullektüre. Zusammen mit dem grossen Heimatroma Manon des sources verblüffen sie durch die Bildhaftigkeit ihrer Sprache. Unaufdringlich, ohne Wortergüsse und -kaskaden malt er mit iht Bilder seiner Heimat und seiner Jugend. Er lässt den Leser visuell teilhaben an seinen Erlebnissen. Wenn er die Berge bei Aubagne, den Marseiller Schulhof, das Ferienhaus beschreibt, entstehen Landschaften und Räume vor dem inneren Auge des Lesers, er wird zum Augenzeugen von Orten und Ereignissen. Worüber Pagnol auch spricht, es vergegegenständlicht sich, wird sinnlich erfahrbar. Diese Bildkraft macht Pagnols Memoiren zum spannenden und anrührenden Zeugnis einer vergangenen Epoche und – für die Franzosen – zum symphatischen Erbstück ihrer Kultur.

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Marcel Pagnol und die Côte d’Azur

Zu Beginn des 1. Weltkriegs wurde Marcel Pagnol mobilisiert und dem 163. Infanterieregiment in Nizza zugewiesen. Das war kurz nach seinem Abitur, und wenige Monate nach der Gründung seiner Literatur- und Theater-Zeitschrift „Fortunio“,  dem Vorläufer des bekannten Marseiller Kulturblattes „Cahiers du Sud“ zu deren Autoren auch Albert Camus zählte. An die harte Front musste Pagnol allerdings nicht, da er schon im Januar wegen schwächlicher Gesundheit aus dem Dienst entlassen wurde.

1942 drängte die von Goebbels in Frankreich gegründete Filmgesellschaft Continental Films Marcel Pagnol zur Zusammenarbeit, doch zog er es vor, sich an die Côte d’Azur abzusetzten, zunächst nach Peymeinade in der Nähe von Grasse. Er logierte auch an anderen Orten, darunter kurz im Fontmerle-Viertel von Antibes in einer Villa zwischen dem Chemin de Vallauris und Chemin Longo Maï. „Longo Maï“ ist ein altprovenzalischer Gruß, übersetzt „Lange noch soll es so bleiben“.

Provence-Idylle in Antibes : Chemin Longo Maï

Die Grauen der Kriegszeiten waren hier am milden Mittelmeer noch weit weg. Um sich abzulenken unternahm er Ausflüge, in die Berge nach Thorenc, wo er gerne in der Dorfwirtschaft zum Essen ging, und immer öfters nach Monaco. Auf dem Rückweg von einer Stippvisite des monegassischen Fürstentums entdeckte er in La Gaude ein sanft hügeliges Anwesen, die Domaine de l'Étoile. Er durchstreift das weitflächige Gelände mit herrlichen Olivenbäumen und einem stattlichen Baumbestand. Es stand zum Verkauf. Marcel war in das provenzalische Landhaus aus dem 18. Jahrhundert mit seinen verschachtelten Nebengebäuden vernarrt. Es gab sogar einen alten Brotbackofen. Das Geschäft wurde rasch abgeschlossen, und um die Zeit totzuschlagen, beschloss Marcel Pagnol Nelken anzubauen. Er stellte zahlreiches Personal ein, und besorgte vier seiner Bühnenarbeiter und einem Kameramann Passierpapiere, damit sie dem Arbeitsdienst entkamen.




Pagnol Ausstellung im Musée Peynet in Antibes, 2016





Das war Pagnols Vorlage des Ugolin. Seine Frau Jacqueline erklärte später: „Er war ein Bauer, der bei uns arbeitete. Er redete mit seinen Nelken, er beschimpfte sie, wenn sie nicht schnell genug wuchsen.

Mit Monaco bestanden besondere Bande, eine wahre Freundschaft verband den Autor der Marseiller Trilogie mit Prinz Rainier. 1947 ernannte Prinz Rainers Vater Marcel Pagnol zum „Berater des Fürstentums“. Seine Stücke wurden regelmässig in Monte-Carlo aufgeführt. An der Krönung Prinz Rainier am 9. Mai 1950 nahm Pagnol teil, ebenso an der Beisetzeung von Louis II. einige Tage später.

Briefmarke zu Ehren von Marcel Pagnol,
Foto Pagnols von 1949 im Garten seines monegassischen Anwesens


Im Sommer des gleichen Jahresschlug Rainier dem provenzalischen Autor vor,  Konsul von Monaco in Portugal zu werden, ganz überraschend. Doch Pagnol hasste es mit dem Flugzeug zu reisen. Für diesen Posten bräuchte er nicht nach Portugal zu reisen, versicherte der monegassische Regent. Ein Jahr später erwarb er die Villa „La Lestra“, wo Marcel und Jacqueline Pagnol gute zwei Jahre lebten, bis die Tochter des Paares im Krankenhaus von Monaco verstarb, plötzlich und unerwartet. Es waren „unvergessliche Sorgen“, wie Pagnol diese Tage beschrieb. Jacqueline und Marcel verliessen die La Lestra für immer.

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Pagnols Visualität erklärt, warum es ihn zum Theater zog. Er wollte sehen, was er geschrieben hatte. Er wollte es lebendig, seine Fantasie Wirklichkeit werden lassen. Er wollte zaubern. Im Mai 1930 sieht dann Pagnol in London den ersten Tonfilm. Ein Urerlebnis! Pagnol weiß sofort: Der Tonfilm ist sein Medium. Ist ein Theaterstück geschrieben wird es dem Autor aus der Hand genommen. Schauspieler, Bühnenbildner, Regisseure, Intendanten und Publikum verändern es. Der Film einmal gedreht, bleibt immer gleich. Und welche Möglichkeit er bietet: Nahaufnahmen, Schnitt, Außenaufnahmen, Schuss-Gegenschuss, emotionales Sprechen. Der Tonfilm kann die perfekte Illussion der Wirklichkeit erzeugen. Wer ihn beherrscht, kann wirklich zaubern.

Pagnol setzt sofort alles daran, das Medium zu erobern, so wie er Paris erobert hatte. Er propagiert in Zeitungartikeln den Tonfilm und macht sich die gesamte Theaterszene und die Anhänger des Stummfilms zu Feinden. Er freundet sich mit dem Chef der französischen Paramount-Filiale an, geht auf dem Filmgelände ein und aus, stürzt sich wiss- und lernbegierig auf alle Einzelheiten des Produktionsprozesses von der Technik bis hin zum Vertrieb und kann schon 1931 unter den Fittichen des Hollywood-Unternehmens als Drehbuchautor, Koregisseur und Koproduzent Marius verfilmen. Zwei Jahre später gründet er eine eigene Produktionsfirma, wieder einige Jahre später besitzt er ein eigenes Filmgelände in Marseille, Werkstätten, Labors, Vertrieb und einige Kinos. Der ganze Produktionsprozess liegt in der Hand Pagnols. Er ist der große Zauberer und der Erfolg gibt ihm recht. Sein „Sprachkino“ – heute: Autorenfilm – wird das erklärte Vorbild für die Nouvelle Vague-Filme der 60er Jahre, für Chabrol und Truffaut.

Seine Filme haben Pagnol richtig reich gemacht. Er wird 1946 als erster Filmregisseur in die Académie Française gewählt. Er hat sein Vorbild Eugène Rostand eingeholt und übertroffen. Der grosse Filmregisseur und Volksschriftsteller Marcel Pagnol ist vor 50 Jahren, am 18. April 1974 gestorben, an Krebs erkrankt.

Was bleibt? Seine Bücher. Und wer will, kann in seinen Büchern die Provence lesen.


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#Provence #Pagnol #MarcelPagnol #PagnolAntibes

Guy de Maupassant : Auf dem Wasser

In nur zwölf Jahren verfasste Guy de Maupassant über 300 Novellen sowie sechs bedeutende Romane, darunter Bel Ami aus dem Jahre 1885. Bel Ami taufte er auch seine Jacht, welche im Hafen von Antibes lag. Sie ist Hauptdarsteller einer seiner bedeutendsten Novellen „Auf dem Wasser“ (Sur l’eau) aus dem Jahre 1887, worin er mit seinem unverwechselbaren Stil einen Törn von Saint-Tropez bis Monte-Carlo beschreibt.


Hauptziel Maupassants fluchtartiger Reisen in den sonnigen Süden, ans offene Meer, war das alte, provenzalische Mittelmeerstädtchen Antibes. Viel weiter hätte er sich innerhalb der Festlandsgrenzen Frankreichs kaum von Paris entfernen können. Zudem verbrachte seine Mutter ihren Lebensabend an der Côte d’Azur, und im Port Vauban wartete seine Jacht Bel Ami auf ihn, ein Prachtstück, stolze elf Meter lang und immerhin neun Tonnen schwer.

Guy de Maupassant mit seiner Mutter Laure Poitevin




Dieser Jacht ist auch der Reisebericht „Auf dem Wasser“ (Sur l’eau) gewidmet. Er wurde 1987 verfasst, erschien ein Jahr später, im März und April 1888 zunächst als viel beachteter Artikel der Revue Les Lettres et les Arts, dann im Oktober 1888 als gebundenes Buch bei dem Verlag Edition Marpon et Flammarion.






Frühe Ausgabe des Reiseberichtes Sur l'eau 


Bei seinen Aufenthalten an der Côte d’Azur residierte Guy de Maupassant in verschiedenen Häusern, zunächst im Château de la Pinède, wo auch seine Mutter wohnte, später in der Villa Le Bosquet, die er Anfang 1886 mietete, weil ihm deren einfache, rein provenzalische, zum Garten hingewandte Architektur besonders zusagte, und dann, 1887, im Châlet des Alpes auf dem Badine Hügel oberhalb des Stadtkerns.









Château de la Pinède in Juan-les-Pins


Seine Autorenarbeit verlief monoton, nach eingefahrenem Schema. Er schrieb stets vormittags, zusätzlich arbeitete er hin und wieder nachmittags, soweit ihm Korrektur und Überarbeitung seines morgendlichen Werkes angebracht erschienen. Von der besseren Gesellschaft in Antibes, und den entsprechenden, abendlichen Banketten hielt er sich nach Möglichkeit fern.



 Chalet des Alpes im Quartier La Badine

Dennoch verbrachte Maupassant die freien Stunden seiner Tage normalerweise nicht in solch idyllischer Einsamkeit, wie im Reisebericht beschrieben, weder in seinem Stadtquartier, noch auf seiner Jacht. Auch wagte er sich eigentlich gar nicht so weit auf offene See hinaus, verließ er doch mit seiner Bel Ami den Hafen Port Vauban nicht besonders lange, sondern kreuzte lediglich für kurze Zeit ums nahe Cap d’Antibes oder segelte ins benachbarte Cannes, wo er eine Liaison zu einer anonym gebliebenen, verheirateten Dame, deren Gemahl öfters verreist war, unterhielt.

 Maupassant auf seiner Jacht Bel Ami

Zudem hatte er meist Begleitung, von Künstlern, Aristokraten, Geldadel, Bankiers…, und vor allem der Damenwelt. Ungezählte Frauen aller, selbst der verruchtesten Schichten holt er er sich an Bord. Um sie zu beeindrucken sprang er mit entblößtem, bullig-kräftigen Oberkörper in die blauen Fluten, liess den vom Rudern auf der Seine gestählten Bizeps spielen.

 Ruderpartie in galanter Begleitung
von Colette Dumas-Lippmann und Geneviève Strauss

Obwohl meist mit an Bord, kommt eigenartigerweise sein vertrauter Diener François in Sur l’eau nicht vor, geschweige denn die Horde leichter Mädchen, mit welchen er sich die Zeit vertrieb. Davon steht in dem Reisebericht kein Wort, nicht ein einziges. Jedoch sind zumindest die beiden Matrosen Bernard und Raymond authentisch.




Deutsche Ausgabe von Sur l'eau, Übersetzung und Nachwort Johannes Samuel









Nicht verleugnet werden kann, dass die Beschreibung des Segeltörns Sur l’eau auch eine Art Werbekampagne zum Verkauf der Jacht war, wurde sie doch mit diesen Zeitschriftenartikeln vor einem kaufkräftigen Publikum in höchsten Tönen angepriesen. Zum Bootsverkauf wurden sogar Werbekarten mit einem professionelen Foto der Segeljacht samt Beiboot gedruckt. Und übrigens erwarb später Maupassant eine noch größere, noch bessere, noch beeindruckender Segeljacht, die Bel Ami II.




Verkaufskarte der Jacht Bel Ami







Abgesehen davon hat Sur l’eau in Maupassants Gesamtwerk einen ganz besonderen Stellenwert. Es ist nämlich sein einziges literarisches Zeugnis, das eine umfassende Selbstreflexion darstellt, auch seine ungeheure Angst vor dem Irrewerden und dem Tod zeigt.

Der in ihm keimende, bald schon ausbrechende Wahnsinn trat in diesem tagebuchartigen Reisebericht als psychologisches Moment hervor. Die Angst vor dem Verrücktwerden marterte und zernagte Maupassant. Diese Angst konnte durch die kleinste, unbedeutendste Beobachtung ausgelöst werden, ein nichtiges, vermeintlich aus seinem Inneren kommendes Geräusch, welches sich zur tosenden Halluzination emporschwang.

Porträtfotographie von Guy de Maupassant

Ein ungelöstes Rätsel stellt bis heute das Nachwort dar. Was wollte Maupassant mit der Behauptung bezwecken, alles sei authentisch und unüberarbeitet, eine Momentaufnahme seines Lebens, eben ein Tagebuch? Vieles deutet nämlich darauf hin, dass Sur l’eau sehr wohl überarbeitet und regelrecht konstruiert wurde, sogar die Gesamtphilosophie, das Weltbild Maupassants dokumentiert. Jedenfalls finden sich in dem Reisebericht Sur l’eau gleich mehrere Dutzend Stellen von früher wieder, so die Kriegskritik oder die Geschichte der todkranken Bauern in der Normandie. Das gilt auch für die Erzählung des tragischen, auf Tatsachen beruhenden Schicksalstodes der betrogenen Tochter eines Militärs adeliger Herkunft, vom Range eines Obersts, die dreißig Jahre lang mit ihrem Mann als versteckte Einseiedelbäuerin lebte. Alle diese Geschichten waren schon einige Jahr zuvor als isolierte Einzelartikel im Figaro und anderen Journalen veröffentlicht, aber erst jetzt zu einem Ganzen verwoben worden.

Villa Le Bosquet, eigentlich eine Bastide

In diesem Zusammenhang wird auch die tatsächliche Existenz des romantischen Liebespaares aus der Bucht von Agay und das Wiedertreffen der Beiden als verbitterte Spieler in Monte-Carlos Kasino, kurz vor einer Trennung stehen, stark angezweifelt.

Ein solches Szenario klingt nach literarischer Erfindung, nach Maupassantscher Novelle. War dieses Detail der Entwurf eines neuen Romanes, einer geplanten Reflexion über die Ehe seiner Eltern, einer Abrechnung mit ihnen, oder war Sur l’eau gar ein In-sich-Hineinhorchen, die Stoffsammlung für einen autobiographischen Bildungsroman des Schriftstellers Guy de Maupassant?


Wie dem auch sei, bezeichnend ist, dass Guy de Maupassant für sein intimes Werk den Titel Sur l’eau gewählt hat. Das Objekt Wasser, diese Banalität, diese Alltäglichkeit, zieht sich wie ein Faden, als immer wiederkehrende Kulisse durch sein literarisches Werk und auch sein Leben. Denn es war das frische Seewasser des Atlantik, welches seine Kinderbeine am Kieselstrand von Etretat umspült hat, es war das glatte, grünliche Nass der Seine, womit er sich als junger Ministerialbeamter beim Rudern den Nacken kühlte, worauf sich seine Jacht Bel Ami bei den galanten Eskapaden in Antibes wog, und es waren die letzten, feuchtnassen Nebelschwaden des Frühsommers, welche sein umnachtetes Ende unweit grüner Flussauen der Ile de France beweihräucherten…

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